Geschichte

  • Johann Friedrich Bachmann

    friedrich-bachmann

    Im Jahre 1838 erschien auf dem Berliner Büchermarkt „Die Luisenstadt. Versuch einer Geschichte derselben und ihrer Kirche." Hier wurde in einer Publikation, die ihren Autor als einen akribisch recherchierenden Forscher auswies, ein Berliner Stadtteil in seiner Entstehung und historischen Entwicklung vorgestellt und bis heute das Standardwerk der Geschichte dieses Stadtteils ist. Der Verfasser: „J. F. Bachmann, zweiter Prediger an der LuisenstadtKirche".

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  • Auf Initiative der Wohnungsbaugenossenschaft BEROLINA hat sich 2015 die AG Historischer Pfad zusammengefunden, bestehend aus Teilen der AG Geschichte des Bürgervereins und den Künstlerinnen von transferNet | „Virtuelle Mauer ZeitLabor“ im Heinrich-Heine-Viertel (2014).

  • Lesung: Günter Lamprecht erinnert sich

    Günter Lamprecht liest aus seinem Buch in der Thomaskirche

    Die Werbetrommel des Bürgervereins Luisenstadt war nicht zu überhören und zu übersehen. Mehr als hundert Anwohner der Stadt, nicht nur aus dem Kiez, folgten dem Ruf in die Kirche St. Thomas am 2.Oktober 2012.

  • Literatur zur Luisenstadt

    Literatur

    Webseiten

  • Luise - Königin von Preussen

    Die Abbildung zeigt das Ölgemälde Luise von Joachim Tietze mit freundlicher Genehmigung der berlin story

    Am 10. März 1776 war Luise zur Welt gekommen. In Hannover war die Mecklenburgerin geboren worden, weil ihr Vater, bevor er regierender Großherzog von Mecklenburg - Strelitz wurde, als Gouverneur der Stadt in englischen Diensten gestanden hatte, und ins Hessische war sie mit 6 Jahren geraten, als ihre Mutter gestorben war.

  • Luisenstadt I

    I. Vorgeschichte und Gründung der Luisenstadt

    Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erstreckte sich jenseits des Festungsgrabens südöstlich von Cölln und Neukölln am Wasser die Köpenicker Vorstadt. Erste kleinere Wohnbereiche, Chausseehäuser, Meiereien, Kattunbleichen, Wind- und Lohmühlen, Invalidenhäuser, Friedhöfe, Gärtnereien und Holzmärkte entstanden außerhalb der Akzisemauer zunächst entlang den Ausfallstraßen. Unter dem Großen Kurfürsten und Friedrich I. waren französische Protestanten, Waldenser, Wallonen und Schweizer willkommene, hochqualifizierte religiöse Flüchtlinge; sie ließen sich als Goldschmiede, Seidenwirker, Hut- und Handschuhmacher in Berlin nieder. Vor allem aber Gärtner kamen in die Köpenicker Vorstadt. Es entstand eine französische Gemeinde, die sich 1700 eine eigene Kirche in der Scheunengasse baute.

    Plan Bachmann 1838 - Bachmann, die Luisenstadt, Ed. Luisenstadt

    Unter der Förderung Friedrich II. entwickelten sich Manufakturen vor allem des Textilgewerbes. Seit der Jahrhundertwende siedelten sich entlang der Köpenicker Straße Fabriken an, um die Lage an der Spree auszunutzen.

    (Abb.: Königin Luise - Quelle: Berlin Story)Im Jahre 1802 wendeten sich die Ackerbürger des Köpenicker Feldes untertänigst an ihren König mit der Bitte, daß der Gegend zwischen den Festungswerken und der Akzisemauer der Rang einer ‚Stadt‘ verliehen und ihr der Namen der geliebten Landesmutter beigelegt werde. Beiden Anträgen wurde entsprochen, und die Königin Luise stiftete dem neuen Gemeinwesen die Bürgerfahne. Aus dem Engagement der Bürger war schon 1736 auf dem Begräbnisplatz vor den Mauern die erste – hölzerne – Kirche entstanden, die – in verschiedenen Bauwerken - als Luisenstadtkirche bis zu ihrer Zerstörung im 2. Weltkrieg das Herzstück des Stadtteils war – Zum Tag des offenen Denkmals 2002 hat der Bürgerverein der Kirche und ihren Toten am ehemaligen Standort eine Gedenkstele errichtet.

  • Luisenstadt II

    „Männerstolz vor Fürstenthronen“ - Die bürgerliche Luisenstadt

    Abb.: Freiherr vom Stein - ST.GA.P.GMit der Einführung der Steinschen Städteordnung 1809 in Berlin, wählte und bildete die Bürgerschaft ihre eigene Obrigkeit und Verwaltung, wobei die alte korporative Gliederung der Bürgerschaft durch eine lokale abgelöst wurde: mit den Wahlbezirken entstand eine kommunale Struktur, die der parochialen kirchlichen entsprach, und die in den Polizei-, Armen-, Schul- und Schiedsrevieren differenziert ausgebaut wurde. Die Wahrnehmung der Aufgaben war Ehrenpflicht, die an das Bürgerrecht gebunden war. Die Honoratiorenschaft der Luisenstadt war eine durch Verwandtschaft, Freundschaft und Geschäftsbeziehungen eng verbundene Gemeinschaft; die die Basis einer selbstbewußten lokalen Identität bildete.

    Abb.: Pfarrer Bachmann - Kirchl. ZentralarchivDie sozialen Verpflichtungen nahm man in den Kirchengemeinden wie in den kommunalen Arbeitsbereichen in gleicher Weise wahr. Johann Friedrich Bachmann, Pfarrer an der Luisenstadt-Kirche, schrieb 1838 die erste Chronik der Luisenstadt und legte damit den Grundstein für ein bürgerliches Lokalbewußtsein.

    Unter den Aufgaben, die der Staat an die Kommunen delegierte, stand die Armenpflege an erster Stelle. Sie wurde unter der Kontrolle der städtischen Armendirektion - an ihrer Spitze der Stadtrat de Cuvry (1785-1869), ein Luisenstädter - von ehrenamtlichen Bürgern in den zahlreichen lokalen Armenkommissionen ausgeübt, die in der Luisenstadt ein besonders dichtes Netz bildeten. 1825 gründeten die Vorsteher der Luisenstädtischen Armenkommissionen zusammen mit den Pfarrern und anderen angesehenen Bürgern, vor allem den Besitzern der Kattunfabriken und Ledergerbereien, den Luisenstädti-schen Wohlthätigkeitsverein, der bis 1856 sich vor allem für die Schulbildung der Fabrikkinder einsetzte und dafür als eigene Einrichtungen die Sonntags- und Abendschulen schuf.

    Auch die später von der Kommune übernommenen Schulkommissionen, die sich um den regelmäßigen Schulbesuch kümmerten, sind durch den Verein entstanden. All diese Bemühungen waren von der Absicht geleitet, das sich bildende Proletariat durch Hilfe zur Selbsthilfe instand zu setzen, ihren und ihrer Familien Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften und sie damit in die bürgerliche Gesellschaft einzugliedern.

    Abb.: Heinrich Eduard Kochhann - unbekannt; vor 1900Viele Luisenstädter Bürger spielten in den städtischen Gremien, dem Magistrat der Stadtverordnetenversammlung und der Verwaltung eine maßgebliche Rolle, so der Bäckermeister Heinrich Eduard Kochhann als Stadtverordnetenvorsteher und Leiter der Gartenbaudeputation, der Kämmerer Heinrich Runge, der Baustadtrat Langerhans (1780-1851), der schon erwähnte Stadtrat und Armendirektionsvorsteher de Cuvry, der Lohgerbermeister Carl Kampffmeyer (1784-1856), der Kattunfabrikant Johann Friedrich Dannenberger (1786-1873) und viele andere, die den Stil der bürgerschaftlichen Selbstverwaltung und das wachsende Selbstbewußtsein gegenüber der königlich-staatlichen Autorität prägten; eine Haltung, die in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts im westberliner Teil der Luisenstadt mit den ‚Strategien für Kreuzberg‘ eine eigentümliche Renaissance erlebte.

    Aber gerade in diesem Stadtteil wurde der Bürgersinn seit dem Regierungsantritt von Friedrich Wilhelm IV. aufs stärkste herausgefordert. Die Vorstellungen des Königs von einem christlichen Ständestaat moderner Prägung widersprachen diametral der bürgerlichen Liberalität, die sich in wirtschaftlichem Aufstieg, politischer Eigenverantwortung und gesteigertem Bildungsanspruch immer selbstbewußter ausprägte.

    Lenné Bebauungsplan Köpenicker Feld 1842 - Plansammlung TU Berlin Schon die städtebauliche Entwicklung der Luisenstadt, spiegelt diesen Konflikt: der König, architektonisch und städtebaulich begabt und interessiert, initiierte eine feudale Planung, die gegen die wirtschaftlichen Interessen der Ackerbürger, Gärtner und Gewerbetreibenden nicht durchzusetzen war. So zogen sich Separation und Planung zwei Jahrzehnte hin. Immerhin gelang es dem König, in den Plan von Lenné die geniale (wenn auch unpraktische) Linienführung des Luisenstädtischen Kanals einzuzeichnen, sie wird mit Engelbecken und den beiden Kirchplätzen fürdie Michaelkirche und die später gebaute Thomaskirche die zentrale städtebauliche Figur der Luisenstadt. Farbstich Bethanien - unbekannt; von 1900 Vor allem aber die Erbauung des ‚Centraldiakonissen- und Lehrkrankenhaus Bethanien’, mitten in der Luisenstadt war Kampfansage an die dort erstandene liberale Bürgerlichkeit. Es war gedacht als Mittelpunkt des diakonischen ‚Schwanenordens‘, der anstelle der kommunalen Armenkommissionen die gesamte soziale und diakonische Versorgung des Landes in freiwillig-christliche Verantwortung übernehmen sollte.

    Parallel dazu lief ein scheinbar innerkirchlicher Konflikt, der sehr schnell grundsätzliche und exemplarische Bedeutung erhielt. Pfarrer Bachmann war theologisch auf die konservative, dem frommen König nahestehende Seite gerückt und betrieb seit 1843 die Teilung der wachsenden Luisenstadt-Gemeinde.

    Stich St. Jakobi - Stüler: Entwürfe Kirchen, Pfarr- und Schulhäuser Er setzte den Bau der St.Jakobikirche und die Übernahme des Patronats durch den König durch und errichtete in den folgenden Jahren eine höchst effiziente gemeindliche ‚Demokratur‘ mit umfassendem ehrenamtlichen Engagement der Gemeindeglieder unter einer auf seine Leitung zugeschnittenen Gemeindeordnung. Diesem ‚Modell Bachmann‘ gegenüber stand die Luisenstadt-Gemeinde mit ihren Pfarrern und den engagierten Laien unter Führung des Bäckermeisters, Stadtverordneten und Armenkommisionsvorstehers Kochhann fest im Lager des aufgeklärten Protestantismus.

    Zusammenarbeit mit der kommunalen Armenpflege, vor allem aber Praktizierung des Schleiermacherschen Weltchristentums machten das ‚Modell Kochhann‘ zum Modell liberalen Bürgertums protestantischer Prägung. So entwickelten sich im Vormärz in Berlin die Konflikte um die evangelische Kirchlichkeit zu einem verdeckten Feld der Auseinandersetzung zwischen dem königlich-konservativen und dem bürgerlich liberalen Gesellschaftskonzept.

    Nach der gescheiterten Revolution von 1848 und der reaktionären Periode gab es nach 1852 in Berlin eine Renaissance der bürgerlichen Liberalität. Die ins innere und äußere Exil Gegangenen – wie Runge, Kochhann u.a. – kehrten in die Lokalpolitik zurück und initiierten mit Hobrecht, Virchow, v. Gneist, Siemens und anderen im Streit mit Bismarck Berlins Aufschwung zur liberalen Metropole mit moderner Kommunalwirtschaft.

    Die bauliche Entwicklung der Luisenstadt brachte die später als ‚Kreuzberger Mischung‘ bekannte Nutzung der großzügigen Blöcke der Lennéschen Planung hervor mit Wohnhäusern zur Straße und der Auffüllung der Bürgergärten im Blockinneren durch Manufakturen, kleine Fabriken, aber auch öffentliche Gebäude, wobei bis Ende des Jahrhunderts die gärtnerische Nutzung sich neben der industriellen behauptete.

    Turnhalle Prinzenstraße - Festschrift 50 Jahre Berliner Turnerschaft 1913 Kochhann, inzwischen Stadtverordnetenvorsteher, ein begeisterter Anhänger der Turnbewegung, initiierte in der Prinzenstraße die erste Berliner Turnhalle, ebenso wie die Umwandlung des St. Petrikirchhofes in den ersten öffentlichen Bürgerpark, den heutigen Waldeckpark, aber auch den Bau des Krankenhauses am Friedrichshain.

  • Luisenstadt III

    Reichsgründung – die Luisenstadt in der Kaiserzeit

    Gewerbekarte 1900 - March/ Balg: Die Umsetzung von Gewerbebetrieben 1963

    Nach der Reichsgründung wurde die Luisenstadt zum dichtest besiedelten Stadtteil Berlins mit dem höchsten Anteil an Produktionsstätten. Der Bauboom der Gründerzeit schuf unvorstellbare Wohnverhältnisse, wie sie Zille skizzierte und die Arbeitersanitätskommission anprangerte – bis zu hundert Einwohner lebten 1875 auf einem Grundstück der nach Hobrechts Plänen bis zum Landwehrkanal erweiterten Luisenstadt.


    Görlitzer Bahnhof - Archiv Kramer
    Aber auch die Infrastruktur profitierte von dem neuen Reichtum: bis 1900 entstanden 25 Gemeindeschulen; die Anlage der neuen Verkehrswege begann mit dem Görlitzer Bahnhof 1864 an der eben eingerissenen Stadtmauer und 1905 wurde die Hochbahn zum Schlesischen Tor eröffnet. Das weltberühmte ‚Exportviertel Ritterstraße‘ entstand mit vierhundert Fabrikationsstätten in 24 Straßen, die letzen Flächenreserven in den Blöcken wurden zugebaut, es gab erste Abrisse alter Bausubstanz zugunsten größerer Gewerbebauten wie die Kaufhäuser am Moritz- und Oranienplatz.

    Abb.: Luftbild Haberkern - Foto LehnartzDoch das paternalistische Prinzip der von den Honoratioren getragenen Armenkommissionen war den sozialen Problemen der Massenquartiere nicht mehr gewachsen, die Bismarckschen Sozialgesetze entzog ihnen die gesetzliche Grundlage, die häufigen - dem mietrechtlichen Wildwuchs geschuldeten - Umzüge der Proletarierfamilien ließen lokale Bindungen nicht mehr aufkommen. Die Zeit der Luisenstädter Honoratioren mit ihrem lokalen sozialen und stadtpolitischen Engagement war zu Ende. Kochhann, ihr frommer Exponent, war 1890 gestorben; seine Söhne aus der Luisenstadt fortgezogen.

    Aber sein ‚politisches Testament‘ faßte er in den Sätzen zusammen:

    „Mir selbst gab die Gewißheit, allezeit im Geiste der Städteordnung für das Gedeihen meiner Vaterstadt während der großen Zeit ihrer Entwicklung zur Reichshauptstadt mein bescheidenen Teil beigetragen zu haben, die höchste Befriedigung. Ich hatte den Segen der ruhmreichen Schöpfung Steins erfahren und erkannt, daß die freie Mitarbeit des Bürgers an der Ausgestaltung seines Gemeinwesens Männer erziehe, die im Falle der Not nicht verzagen, im Wohlstand sich nicht zu überheben vermessen.“ Stich St. Thomas - Archiv St. Thomas
    Die Kirche war mit dem bürgerlichen Lager auf die Seite des Staates gerückt, kein Partner für das Proletariat. Die St. Thomas-Gemeinde, von der Stadt 1869 als Gegenstück zum königlichen Bethanien am Mariannenplatz erbaut, war vor der Jahrhundertwende mit ca. 150.000 Seelen zeitweilig die größte Parochie der Christenheit, die von ihr 1887 abgetrennte Emmaus-Gemeinde wurde schon wenige Jahre später weiter filialisiert: Tabor, Martha und – in den 20er Jahren – Ölberg entstanden (und rücken heute wieder zu Gemeindeverbünden zusammen).

    Abb.: Denkmal Schultze-Delitzsch - Foto DuntzeDie ökonomische und soziale Frage hatte auch die Luisenstadt verwandelt, aber dieses urbane Mischquartier setzte sich zur Wehr; hier gründete Schulze-Delitzsch seine Handwerker- und Gewerbegenossenschaften samt einer eigenständigen, der Luisenstädtischen Bank, hier entwickelte sich eine hochspezialisierte mittelständische Produktion, hier entstanden die Notgemeinschaften der aus den östlichen Provinzen Zugezogenen, bis heute sind die Straßennamen zum guten Teil oberschlesische Herkunftsnamen. Hier funktionierte aber auch bis zum ersten Weltkrieg das soziale Patronat der Fabrikherren, die, wie etwa die Familie Heckmann (Vorbild für Fontanes „Jenny Treibel“), immer noch für Suppenküchen, Kinder-Bewahranstalten und Sitz im Gemeindekirchenrat der St. Thomas-Gemeinde gut waren. Die vielen Kirchen, unter dem Protektorat der Kaiserin Augusta erbaut, waren Teil des staatlichen Pazifizierungsprogramms zur Eingliederung des Proletariats in die Gesellschaft und wurden als soziale Stützpunkte ausgebaut, in denen bethanische Schwestern die ambulanten Dienste taten und in vorbildlicher Weise mit ihrem Mutterhaus, dem sozialen Herz der Luisenstadt, zusammenarbeiteten, ein Versorgungssystem, das bis zur vom Senat erzwungenen Schließung 1970 hervorragend funktionierte.

  • Luisenstadt IV

    Vom Stadtplan verschwunden. Die Luisenstadt in den 20er Jahren

    Bezirkskarte 1920 - Senat Berlin

    Aber diese Entwicklungen können nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Luisenstadt als eigenständiges Gemeinwesen erodierte. Und so war es nur folgerichtig, daß im Rahmen der Großstadtwerdung Berlins 1920 die Luisenstadt von der kommunalen Landkarte verschwand. Der kleinere Teil nördlich des Luisenstädtischen Kanals, wurde dem neuen Bezirk ‚Mitte‘ zugeschlagen, der südliche Teil dem Bezirk ‚Hallesches Tor‘, ab 1921 ‚Kreuzberg‘. Die Lebensverhältnisse der Bevölkerung wurden von dieser Verwaltungsentscheidung nicht tangiert, die Folgen zeigten sich erst 1945, als die Sektorengrenze entlang der Bezirksgrenzen gezogen wurde und ab 1961 die Mauer quer durch die Luisenstadt lief.

    1927 aber erschien noch „Die Luisenstadt. Ein Heimatbuch“, ein Zeichen der weiterbestehenden Identität dieses Gemeinwesens.

    Zeichnung Barth: Indischer Teich - Gartendenkmalpflege Berlin Aber deutliche Einbrüche waren zu verzeichnen: Der Bau der U-Bahnlinie von Kottbusser Tor zum Alexanderplatz bot Anlaß, den verkehrstechnisch überflüssigen und hygienisch bedenklich gewordenen Luisenstädtischen Kanal aufzulassen. Ab 1928 wurde er nach Plänen des Gartenbaudirektors Erwin Barth zu einer Grünanlage mit Spielplätzen und Lehrgärten umgeschaffen, wobei durch die Tieflage der Teilgärten und die Beibehaltung des Engelbeckens die Vergangenheit und die Gegenwart auf geniale Weise aufgehoben wurde – der Kanal blieb Schicksalslinie und Gedächtnis der Luisenstadt bis heute. Das Engelbecken wurde zum Schmuckteich mit Karpfenfang und Schlittschuhlaufen im Winter; der Plan, ein Volksbad einzurichten, ließ sich wegen des Widerstandes der katholischen Öffentlichkeit ebenso wenig realisieren wie die Idee eines tropischen Teiches, gespeist mit den warmen Abwässern der Kühlfabrik in der Köpenicker Straße – ein nostalgischer Hinweis blieb der Indische Brunnen im Rosengarten.

  • Luisenstadt V

    Anpassung und Widerstand – die Luisenstadt im III. Reich

    Abb.: Mieterstreik 1935 - Landesbildstelle BerlinDie bürgerlichen Tugenden, wie sie im 19. Jahrhundert in der Luisenstadt entfaltet wurden, waren weder in der Weimarer Republik noch im Dritten Reich gefragt – andere Identitäten als die eigenständig-lokale prägten das gesellschaftliche und politische Leben. Durch die Kriegsfolgen und die Inflation war das Gewerbe in der Luisenstadt stark zurückgegangen, Arbeitslosigkeit und politische Radikalisierung prägten die soziale Situation; zwischen 1924 und 1928 war der größte Teil ihrer Bevölkerung auf Wohlfahrtsunterstützung angewiesen. Die beiden politischen Lager bauten ihre sozialen Netze auf und aus; um den Görlitzer Bahnhof etablierten sich in den Kneipen der Arbeitersportbund ‚Fichte‘ (SPD), der Rotfrontkämpferbund (KPD). Im ‚In der Wiener Str. 10 befand sich ab 1929 das berüchtigte SA-Sturmlokal ‚Wiener Garten‘, 1933 auch wildes KZ und Folterkeller. Um die Arbeitslosen werben beide Lager; beim Mieterstreik 1932 wehen Fahnen mit Hakenkreuz und mit Hammer und Sichel nebeneinander an den Häusern in der Luisenstadt.

    Abb.: Ruine Synagoge Fränkelufer - Archiv Kreuzberg-MuseumUnmittelbar nach der Machtübernahme 1933 begann auch die ‚Gleichschaltung‘ der Luisenstadt. SA besetzte die Gewerkschaftshäuser am Engeldamm und am Oranienplatz, in den evangelischen Kirchengemeinden rückten die ‚Deutschen Christen‘ in die Gemeindekirchenräte ein, jüdische Beamte, Ärzte, Juristen und Hebammen auch Pfarrer bekamen Berufsverbot, die jüdischen Geschäfte in der Luisenstadt wurden ‚arisiert‘. Neben den Hinterhofsynagogen der privaten Synagogenvereine war die Gemeindesynagoge am Fraenkelufer Mittelpunkt jüdischen Lebens; sie wurde von der SA in der Pogromnacht 1938 teilweise zerstört. Und doch gab es auch Widerstandsgruppen: vor allem die Gruppe um Herbert Baum, die sich aus Mitgliedern jüdischer Sport- und Jugendgruppen rekrutierte und im Mai 1942 den Brandanschlag auf die Propaganda-Ausstellung ‚Das Sowjetparadies‘ verübte. Mit dem Verbot der KPD und der SPD, der Verhaftung und Einkerkerung ihrer Funktionäre blieb den linken Parteien nur der weit verzweigte Untergrund in den Betrieben der Luisenstadt.

    Zerstörte Luisenstadt - 125 Jahre St. Jacobi-Gemeinde

    Die Fabriken in der Köpenicker Straße und dem Exportviertel Ritterstraße wurden für die Rüstung umorganisiert; ein wesentlicher Grund dafür, daß die Luisenstadt zum Ziel verheerender Luftangriffe wurde – der letzte und schwerste, dem fast die ganze innere Luisenstadt zum Opfer fiel, am 3. Februar 1945; SO 36 kam vergleichsweise glimpflich davon. Damals wurde auch die Luisenstadt-Kirche zerstört; in ihren Gewölben kamen über 60 Menschen ums Leben, darunter viele Kinder. 3.255 Tote und Vermißte kostete der Angriff, 11.097 Menschen wurden ausgebombt. Durch die Luisenstadt rückte die Rote Armee auf das Stadtzentrum vor, eine der Photographien zeigt ihre Panzer vor der St. Thomas-Kirche.

  • Luisenstadt VI

    Am Rande zweier Gesellschaften – Die Luisenstadt in Ost und West

    Der äußere Teil der alten Luisenstadt war im Krieg glimpflich davongekommen, während der zentrale Bereich weitgehend flachgebombt worden war. Aber Sektorengrenze und ab 1961 die Mauer verfügten die beiden Teile der Luisenstadt für vierzig Jahre in gegensätzliche gesellschaftliche Identitäten.

    Mauerstreifen hinter St. Thomas - Archiv Kramer

    Ab den 50er Jahren waren in Ost und Welt die Brachflächen nach modernen städtebaulichen Prinzipien (Charta von Athen) als innerstädtische Gartenstadt neu gebaut worden.

    Strategien in Martha - Foto Rädler Aber in SO 36, dem westberliner Teil der Luisenstadt, formierte sich in den 70er Jahren die Gegenwehr gegen die Kahlschlagsanierung des städtebaulichen, sozialen und gewerblichen Bestandes des Stadtteils. Initiativen der evangelischen Kirchengemeinden führten schließlich 1977 zu den '‚Strategien für Kreuzberg'‘.

    In diesem Projekt, das in Zusammenarbeit mit Senat und Bezirk durchgeführt wurde, konnten alle Bewohner und Freunde Vorschläge für die bauliche, soziale, politische und kulturelle Erneuerung als Alternative zur geplanten Kahlschlagsanierung machen. Dieser Ansatz zivilgesellschaftlichen Engagements entsprach den alten Luisenstädtischen Bürgertugenden und erbrachte eine breite Allianz aktiver Beteiligung. Der Senat finanzierte die durch eine offene Ausschreibung gewonnenen Teilprojekte und sattelte den Altbauteil der Internationalen Bauausstellung `84-`87 drauf. Die Hausbesetzungen brachten den nötigen Wohnungs- und gesellschaftspolitischen Drive, der Bezirk setzte sich für eine friedliche Lösung und Legalisierung der besetzten Häuser ein, die Landeskirche ermöglichte die Gründung einer alternativen Sanierungsgesellschaft – der ‚Sonderweg Kreuzberg‘ schuf die Voraussetzungen für den lebendigsten und tolerantesten Bezirk West-Berlins.

  • Luisenstadt VII

    Vom Mauerfall bis heute – DU ABER BLEIBST?

    Die Wende beseitigte mit dem Fall der Mauer die äußere Trennung der beiden Teile der Luisenstadt: die Mauerbrache auf der Trasse des Kanals wurde nicht zur Verkehrstrasse in das Stadtzentrum, sondern wurde der Gartendenkmalpflege zur Wiederherstellung übergeben. Aus engagierten Bürgern von SO 36 und der ‚Bürgerinitiative Luisenstadt‘ im Ostteil bildete sich der ‚Bürgerverein Luisenstadt‘, der nun seit über 10 Jahren versucht, die innere Teilung zwischen den beiden so verschieden geprägten Einwohnergruppen zu überwinden und den in die Wohnanlagen auf der ehemaligen Mauerbrache Zugezogenen Heimatgefühl zu vermitteln. Er erforscht das bauliche und soziale Erbe der Luisenstadt für die heutige Identität der Luisenstadt. Diese Aufgabe ist umso dringlicher, als in der Berliner Bezirksreform von 1999 die verwaltungsmäßige Trennung festgeschrieben wurde.

    Mauerstreifen als Verkehrstrasse - Internationale Bauausstellung 1984/87

    Die spannende Frage ist, ob es gelingt, quer zu den verordneten Bezirks-Identitäten eine eigene, bürgerschaftlich getragene Identität der Luisenstadt zu entwickeln und die Interessen ihrer Bewohner zu vertreten. Dazu finden sich die gemeinwesentragende Kräfte zusammen: die Stadtteilbibliotheken, Bezirksmuseen, die Kirchengemeinden, auch Gewerbetreibende und die Wohnungsbaugenossenschaft der Luisenstädtischen Gartenstadt. So versucht dieser offiziell nicht vorhandene Stadtteil zu sich selbst zu finden und sich der Berliner Öffentlichkeit bekannt zu machen. Der Weg ist jedoch noch lang, Senat und Bezirke haben bis heute Probleme, die Luisenstadt und ihre Bewohner ernst zu nehmen – der Bürgerverein versteht sich als Stimme der Luisenstadt.

    DU ABER BLEIBST - Foto Duntze

  • Mi 15·März 2017: Vortrag - Die politischen Verhältnisse in der Luisenstadt vor 125 Jahren

    IG Metallhaus Berlin

    Die politischen Verhältnisse im reaktionären Preußen vor 125 Jahren boten keinen Platz für die Vertretungen der Arbeiterverbände in Berlin. Erst als 1908 das Vereinsgesetz in Kraft trat, verlegten diese ihren Sitz in die Reichshauptstadt, so auch der Deutsche Metallarbeiter-Verband DMV.

    Joachim Leidig von der IG-Metall erzählt uns vor Ort die ganze Geschichte.

  • Mi 16·Nov 2016: Historische Führung im Deutschen Patent- und Markenamt

    Patentamt

    1877 als Kaiserliches Patentamt in der südlichen Berliner Luisenstadt gegründet, ist das Deutsche Patent- und Markenamt als Zentralbehörde für den gewerblichen Rechtsschutz für geistiges Eigentum gegen unerwünschte Nachahmung zuständig.
    Hier wurde das erste deutsche Patent für ein „Verfahren zur Herstellung einer rothen Ultramarinfarbe“ erteilt, die erste Marke wurde 1894 für einen Berliner Lampenproduzenten eingetragen.

    Im November haben wir für die FreundInnen der Luisenstadt eine einmalige Gelegenheit zum Besuch dieser ansonsten nicht so richtig öffentlichen Behörde organisiert. Melden Sie sich gleich an - es sind nur noch wenige "Plätze" verfügbar!

  • Mi 22·Feb 2012 Vortrag Dr. Klaus Duntze über den Luisenstädtischen Kanal

    Mehr Besucher als erwartet füllen den Vortragssaal der WGB Berolina am 22. Februar 2012.

    Vortrag Dr. Klaus Duntze über den Luisenstädtischen Kanal

    Zusätzliche Stuhlreihen werden aufgestellt, damit jeder einen Platz findet. Das Thema des Lichtbildervortrags ist spannend.

    Die Geschichte des Kanals und die vielen Geschichten drumherum interessieren nicht nur die Nachbarn rund um das Engelbecken. Unter den mehr als 70 Menschen auch Hinrich Baller, der Berliner Architekt und Landschaftsplaner, der den südlichen Teil des Luisenstädtischen Kanals “jenseits der Akzisemauer“, wie er sagt, neu gestaltet hat.

    Anderthalb Stunden erzählt Duntze die Geschichte des Kanals vom ersten, schwungvollen Federstrich des Kronprinzen Friedrich-Wilhem (IV.) bis hin zu den Graffitis am Engelbecken heute. Die Attraktivität dieser Grünanlage mit Teich, Rosengarten, Fontainen und Café hat sich in Berlin herumgesprochen. Hier im Bürgerverein wollen die Besucher mehr erfahren.

    Volker Hobrack, Vorsitzender des Vereins, leitete das Treffen, Michael Rädler sorgt für die perfekte Technik.

    Klaus Duntzes Buch gilt schon jetzt als Standardwerk. Auch die 2. Auflage ist bald vergriffen.

     

  • Mi 8·Feb 2017: Vortrag - Die anarchistische Bewegung in der Luisenstadt

    Collage Anarchie Vortrag

    Auf den Spuren einer vergessenen politischen Strömung

    Die Geschichte der Luisenstadt ist untrennbar mit der Entwicklung der Arbeiterbewegung verbunden. Kaum bekannt ist aber, dass sich hier neben Sozialdemokraten und Gewerkschaftern kontinuierlich auch anarchistische Gruppen trafen.

  • Mi 8·Nov 2017: Vortrag - Otto Lilienthal und die Anfänge der Luftfahrtindustrie

    Lilienthal Doppeldecker 600

    Es kamen tatsächlich einige Meilensteine der Technik aus der Luisenstadt.

    Sogar die Anfänge der Luftfahrtindustrie sind eng mit der Luisenstadt verbunden:

    In der Köpenicker Str. 113 befand sich die Kessel- und Dampfmaschinenfabrik der Gebrüder Lilienthal. Hier wurde der erste Fluggleiter weltweit in Serie hergestellt. In der Gitschiner Str. 5 saß die Abteilung für Luftfahrzeugbau der Rumpler-Werke.

    Zu Beginn des 20. Jhs widmeten sich zahlreiche kleinere Konstrukteure der Entwicklung und Herstellung einzelner Flugzeugteile, größere Firmen wie Focker oder Harlan bauten auf Lizenzbasis ganze Flugzeuge nach.

    Hans-Ulrich Fluß, langjähriges Mitglied sowohl im Technikmuseum als auch im Bürgerverein Luisenstadt, erzählt uns in einem spannenden "Lichtbildvortrag" die ganze Geschichte.

  • Postfuhrhof

    Finden Sie hier eine Bildersammlung zum Projekt Postfuhrhof

  • Rückblick: Unser Veranstaltungsprogramm April bis Juni 2017

    Flyer Q2 2017 aussen

    Informieren Sie auch Ihre Freunde und Bekannte - alle Veranstaltungen des Bürgervereins Luisenstadt sind kostenfrei.

    Alle Veranstaltungen, Orte und Termine finden Sie hier im Print-Flyer sowie auch aktuell und ausführlich auf unserer Website...

    Wir beginnen das Veranstaltungsprogramm des Bürgervereins im 2. Quartal 2017 im April mit einem Besuch in der Kirche. Die St.-Thomas-Kirche am Mariannenplatz ist vom Volumen her die größe Kirche Berlins. Dr. Peter Lemburg zeigt uns interessante Winkel des Hauses, die ein "normaler" Besucher nicht zu sehen bekommt.

  • Rückblick: Unser Veranstaltungsprogramm Januar bis März 2017

    Flyer Q1 2017 Vorderseite

    Informieren Sie auch Ihre Freunde und Bekannte - alle Veranstaltungen des Bürgervereins Luisenstadt sind kostenfrei.

    Alle Veranstaltungen, Orte und Termine finden Sie hier im Print-Flyer sowie demnächst auch aktuelle auf der Website...