Heinrich Eduard Kochhann

Ein liberaler Bürger und Christ.

Am 11. Februar 1990 jährte sich zum 100. Mal der Tag, an dem der Berliner Ehrenbürger Heinrich Eduard Kochhann gestorben ist. Ein Luisenstädter, ein Unbekannter, obwohl er sich um das Gemeinwesen Berlin und um die Kirche in dieser Stadt verdient gemacht hat.

Kochhanns Großvater war aus der wendischen Lausitz nach Berlin gekommen, um das Bäckerhandwerk zu erlernen. 1761 kaufte er das Haus in der Dresdener Straße, das bis 1857 der Familie und dem Bäckereigewerbe diente. Heinrich Eduard wurde am 11.2.1805 als das jüngste von vier Geschwistern geboren und 1820 in der Luisenstadt-Kirche konfirmiert, deren Gemeinde er zeitlebens angehörte. Seit 1818 besuchte er das Gymnasium zum Grauen Kloster.

Nach dem Tod seines Bruders 1821 muß Kochhann seine Pläne für ein Studium aufgeben und nach einer Lehrzeit in der Getreide-Bankfirma in die väterliche Bäckerei einsteigen, die er in einigen Jahren von allen Belastungen bvefreien kann. Seine Freizeit gehört dem Studium der Geschichte und der Geographie sowie dem Turnen, das er Zeit seines Lebens auch wegen seiner politischen Bedeutung hoch geschätzt hat. 1829 heiratet Kochhann Emilie Luise Kindler. Seine Söhne Heinrich, Albert und Eduard wurden 1830, 1831 und 1835 geboren 1837 stirbt sein Vater, danach baut Kochhann das Haus nach den familiären Bedürfnissen um und legt im Garten einen Turnplatz für die Söhne an.

Aus der Vertretungstätigkeit für seinen Vater war Kochhann mit öffentlichen Ehrenämtern schon vertraut, als ihn 1832 die Armenkommission des Kottbusser-Tor-Bezirks zu ihrem Vorsteher wählt. Die kommunale Armenpflege bedeutet für ihn eine der wesentlichen Aufgaben der städtischen Selbstverwaltung, wie sie durch die Steinschen Reformen Gesetz geworden war. 1831 wird er auch Vorsteher der Cholera-Kommission in seinem Armenbezirk.

Im Jahr 1839 wird Kochhann zum Stadtverordneten gewählt; damals fanden die Wahlen im Rahmen eines Gottesdienstes in den Kirchen statt. Kochhann übernimmt auch Verwaltungsaufgaben für das städtische Arbeitshaus, für das Hospital an der Waisenhausbrücke und einen Sitz in der Schuldeputation. Im Jahre 1842 wechselt er in das Kuratorium der Berliner Gewerbeschule, wo er den Prediger Jonas, den ‚Lieblingsschüler Schleiermachers’ kennen und schätzen lernt.

Die Jahre nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. politisieren auch Kochhanns kommunales Engagement und lassen ihn an den wachsenden Auseinandersetzungen der selbstbewussten Berliner Kommunalbehörden mit König und Ministerien teilnehmen. Er wird Mitglied in dem 1845 gegründeten Bürgerverein, engagiert sich an der Einführung des politisch verfemten Turnens als Erziehungsmittel in den städtischen Schulen – das 1846 endlich durchgesetzt werden konnte – und nimmt aktiv an den Auseinandersetzungen um die Öffentlichkeit der Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung teil.

Im Jahr 1844 wird Kochhann zum ersten Mal in der Luisenstadt-Gemeinde aktiv, als es um die Abtrennung der der St. Jakobi-Gemeinde unter dem konservativen Prediger Bachmann (s. eigenen Artikel) geht. Mit seinen liberalen Freunden zusammen leistet er erbitterten Widerstand gegen das manipulierte Verfahren bei der Befragung der Hausväter im Gebiet der zukünftigen Gemeinde. Beim Magistrat, dem Patron seiner Heimatgemeinde setzt er sich erfolgreich für die Berufung des reformierten Predigers Noél als Nachfolger von Bachmann ein.

Bei den revolutionären Ereignissen im März 1848 gehört Kochhann zu einer der vielen Deputationen aus allen Kreisen der Bürgerschaft, die mit dem König über den Abzug der Truppen und die Gewährung demokratischer Freiheiten verhandeln. Als städtischer Kommissar hat er eine Wahlversammlung zur preußischen Nationalversammlung (und zum Frankfurter Parlament) am 1. März 1848 zu leiten.

Nach der März-Revolution kommt es zu einer Zwangspause in Kochhanns öffentlichem Engagement, als er mit 28 anderen Stadtverordneten wegen der Verleihung des Ehrenbürgerrechts an den General Wrangel, den Unterdrücker der demokratischen Revolution, aus seinen Kommunalämtern ausscheidet.

Die erneute Wahl Kochhanns in die Stadtverordnetenversammlung 1858 leitete die Periode seiner höchsten Wirksamkeit in kommunalen und kirchlichen Angelegenheiten ein. Als ‚Privatier’ von beruflichen Pflichten weitgehend befreit, konnte er sich ganz den öffentlichen Aufgaben widmen. Bei vielen repräsentativen Anlässen tritt er jetzt in die Öffentlichkeit wie bei der Grundsteinlegung des Schillerdenkmals am 10. November auf dem Gendarmenmarkt.

Die Reihe der Jubiläums- und Gedenkfeste zu den Freiheitskriegen wird vom Bürgertum und den städtischen Behörden zum Anlaß genommen, dem nationalen Gedanken eine freiheitliche Ausrichtung zu geben und ihn gegen die immer noch lastende staatliche Reaktion auszuspielen. In diesen Zusammenhang gehört auch seine Vorliebe für das Turnen als Leibesertüchtigung, für das er sich im Blick auf das Berliner Schulwesen aus Kräften einsetzt und den Bau der ersten Turnhalle in der Prinzenstraße durchsetzt.

1860 beschließt der Magistrat, zur Abhilfe der kirchlichen Notstände in der Luisenstadt die Gemeinde zu teilen und auf dem Mariannenplatz eine Kirche, die spätere St. Thomaskirche, zu errichten. Sie wurde mit großem Aufwand von Kochhanns Neffen, dem Oberbaurat Adler, ab 1865 gebaut und 1869 eingeweiht. Die Teilung der Gemeinde konnte übrigens die kirchlichen Notstände nicht wesentlich mildern; bereits 1881 war St. Thomas mit 90 000 ‚Seelen’ die stärkste Berliner Gemeinde und – vermutlich – die größte Parochie der Christenheit.

Am 8. Januar 1863 wurde Heinrich Eduard Kochhann zum Vorsteher der Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt und auch für die Ausschüsse zur Geldbewilligung, für den Erwerb von Grundstücken, für die Verteilung von Stipendien, dem Turnkuratorium und dem der Gewerbeschule zugeteilt Vor allem der Sitz im Grundstücksausschuß gibt Kochhann Möglichkeiten zu Aktivitäten, die die weitere Entwicklung Berlins als Hauptstadt erheblich beeinflussen und ihr Gesicht auffällig verändern. Mit Hilfe einer Stiftung seines Berufskollegen Faskel bewirkt Kochhann 1869 den Bau des ersten städtischen Krankenhauses am Friedrichshain.

Sein Lieblingsprojekt aber war die Errichtung eines Stadtparks: Als die St. Petri-Gemeinde ihre Schulden für den Wiederaufbau der abgebrannten Kirche nicht bezahlen konnte, vermittelt Kochhann 1864 den Ankauf des alten St. Jakobsfriedhofs in der Oranienstraße, der auf sein Betreiben hin zum ersten innerstädtischen Park mit Promenade und Kinderspielplatz umgewandelt wird. 1887 kauft die Stadt auch das Reststück und lässt dort das Standbild Leo Waldecks, des Schöpfers der ersten preußischen Verfassung aufstellen.

Diese Jahre bringen Kochhann öffentliche Anerkennungen. Schon zu seinem 60. Geburtstag war ihm die Ehrenmitgliedschaft der Berliner Turnerschaft angetragen worden. Ihm wir auch die Ehre zuteil, auf dem Relief an der Siegessäule unter den Repräsentanten der Stadt durch den Bildhauer Wolff portraitiert zu werden.Im jahr 1875 scheidet Kochhann, inzwischen 70jährig, aus der Stadtverordnetenversammlung aus und wird in Würdigung seiner Verdienst zum Ehrenbürger Berlins ernannt.

Er resümiert zu diesem Anlaß noch einmal sein Engagement für die kommunalen Angelegenheiten: „Mir selbst gab die Gewissheit, allezeit im Geiste der Städteordnung für das Gedeihen meiner Vaterstadt während der großen Zeit ihrer Entwicklung zur Reichshauptstadt meinen entscheidenden Teil beigetragen zu haben, die höchste Befriedigung. Ich hatte den Segen der ruhmreichen Schöpfung Stein erfahren und erkannt, dass die freie Mitarbeit des Bürgers an der Ausgestaltung seines Gemeinwesens Männer erziehe, die im Falle der Not nicht verzagen, im Wohlstande sich nicht zu überheben vermessen.

“Kochhann war mit den führenden Persönlichkeiten der liberalen Protestanten in Berlin, den Predigern Sydow und Lisco und anderen Schülern Schleiermachers, persönlich wie im kirchlich-kommunalen Engagement eng verbunden. Diese Freundschaft bestand ihre Bewährungsprobe vor allem in den 60er und 70er Jahren bei den großen Auseinandersetzungen zwischen den liberalen Theologen und der kirchlichen und staatlichen Obrigkeit. Kochhann verschafft dem Protestantenverein 1869 zu seiner Jahresversammlung die städtische Turnhalle als Versammlungsraum, als Konsistorium und Evangelischer Oberkirchenrat und Überlassung der Stadtkirchen nicht zulassen.

Den Sitzungssaal der Stadtverordneten im neuen ‚roten’ Rathausstellt er seinen fortschrittlichen protestantischen Freunden für Vorträge zur Verfügung. Viele Bürgerversammlungen, die sich für die Berufung liberaler Pfarrer und für die Verabschiedung einer demokratischen Kirchenverfassung einsetzen, werden von Kochhann und seinen Freunden einberufen und geleitet. Der Erfolg dieser Bemühungen zeigt sich 1874 bei den ersten Wahlen zu den Gemeindekirchenräten, als sich in fast allen Gemeinden die liberalen Kandidaten durchsetzen.

Das größte Aufsehen erregte der Ehrenbürger Kochhann jedoch, als er auf der Kreissynode Kölln-Stadt (Luisenstadt) im Jahre 1877 den Antrag stellte, das apostolische Glaubensbekenntnis aus der Gottesdienstliturgie zu streichen, weil es für den modernen eine Barriere des Glaubens sei. Die heftige Auseinandersetzung schlug ihre Wellen bis hinauf zum Kaiser, der sich in einem eigenen Bekenntnis zum Apostolikum in die öffentliche Diskussion einschaltete und die liberalen Protestanten des Sympathisantentums zur Sozialdemokratie und – nach den Attentaten auf seine Person1878 – auch der geistigen Mittäterschaft bezichtigte.

Kochhann hatte sich nach dem Sturm um seinen Antrag auf der Kreissynode 1877 auch aus der Kirchenpolitik immer stärker zurückgezogen. Sein Name taucht 1877 noch im Vorstand der Vereinigten Kreissynoden Berlins auf, auch wird er zum Ehrenpräsidenten des Deutschen Protestantenvereins ernannt. Aber die Kritik des von ihm hoch verehrten Kaisers an ihm und seinen Freuden hat ihn tief getroffen, da er sich als gottesfürchtigen, das Vaterland liebenden und königstreuen Bürger verstand, der das Beste für seine Kirche in einer Zeit wollte, von der sich sowohl die Gebildeten als auch die Arbeitermassen abwandten.

Kochhanns Frau starb im November 1889; er überlebte sie nur bis zum 11. Februar 1890. Seine Bestattung auf dem Luisenstädtischen Friedhof in der Bergmannstraße wird noch einmal eine demonstrative Ehrung der politischen und gesellschaftlichen Institutionen der Stadt Berlin für ihren Ehrenbürger.

Dr. Klaus Duntze. Bild: Kirchliches Zentralarchiv Berlin