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Im Jahre 1838 erschien auf dem Berliner Büchermarkt „Die Luisenstadt. Versuch einer Geschichte derselben und ihrer Kirche." Hier wurde in einer Publikation, die ihren Autor als einen akribisch recherchierenden Forscher auswies, ein Berliner Stadtteil in seiner Entstehung und historischen Entwicklung vorgestellt und bis heute das Standardwerk der Geschichte dieses Stadtteils ist. Der Verfasser: „J. F. Bachmann, zweiter Prediger an der LuisenstadtKirche".

Johann Friedrich Bachmann wurde am 21. Juli 1799 in Drossen in der Neumark als Sohn des Pfarrers Christian Friedrich Bachmann, geboren. Sein Vater übernahm bald darauf die Pfarrstelle in Neuküstrinchen im Oderbruch, und dort erhielt der Junge auch seinen ersten Schulunterricht. Im Juni 1816 bezog Bachmann das Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin, wo er die Aufmerksamkeit des Direktors Prof. und konnte plötzlichen Tode von Bachmanns Vater im Jahre 1819 seinen weiteren Gymnasialbesuch ermöglichte. Der so Unterstützte bedankte sich bei seinem Gönner mit hervorragenden schulischen Leistungen.

Das anschließende Studium der Theologie begann er in Halle/S. zum Sommersemester 1821, siedelte aber zum Wintersemester 1822/23 nach Berlin über. Schon als Gymnasiast hatte er unter Turnvater Jahns Anleitung das scheel gemusterte Turnen betrieben, auch trat er der Deutschen Burschenschaft bei. Superintendent Lettow (1761-1830) empfahl ihn als Lehrer an das Schindlersche Waisenhaus. Der Notwendigkeit, seinen Militärdienst abzuleisten, war enthoben, weil er zu schwach dafür war.

Auf Vorschlag von Bellermann wurde er 1825 auf den Posten des Predigers und Religionslehrers in Lissabon berufen wurde. Am 17. Juni 1825 legte er seine mündliche Prüfung ab, erhielt zwei Tage später seine Ordination als Prediger und reiste am 6. Juli dann nach Lissabon ab. Zur Eheschließung mit seiner Verlobten Julie Lieder (1806-1885) reiste er im Frühjahr 1828 nach Berlin, aber der in Portugal ausgebrochene Bürgerkrieg verwehrte ihm die Rückkehr nach Lissabon. Ende des Jahres wurde er für die Besetzung der vakanten 2. Predigerstelle an der Luisenstadt-Kirche vorgeschlagen und konnte die Stelle Ende März 1829 antreten.

Als 2. Prediger war Bachmann zweifellos nicht voll ausgelastet. Auf dem Berliner Büchermarkt zeigte er sich 1831 und 1834 mit der Veröffentlichung zweier Sammlungen seiner Predigten. Neben seiner Tätigkeit im - 1825 gegründeten - „Luisenstädtischen Wohltätigkeitsverein", wo er Unterricht für die Armenkinder abhielt, die erste Sonntagsschule ins Leben rief und sich um die Gründung einer Kleinkinderbewahranstalt verdient machte. Vor allem aber schrieb er aus gedruckten wie vornehmlich aus ungedruckten, im Archiv der Luisenstadt-Gemeinde befindlichen Quellen jene umfassende Geschichte des Stadtteils, die ihn als Historiographen bekannt machte.

Im Zuge der beginnenden industriellen Revolution bildete sich seit der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre auch die Luisenstadt als Industriestandort heraus, charakterisiert durch engste Verknüpfung mit dem Textilgewerbe und dessen Veredelungssektor. Die Wohndichte der Luisenstadt nahm merklich zu und brachte ein Anwachsen der dortigen Parochie auf 36 000 Personen. Bachmann machte im August 1843 dem Magistrat den Vorschlag, die Luisenstadtgemeinde zu teilen und eine zweite Parochie zu gründen. Bei der alten sollten 450 Häuser mit 20 000, bei der neuzugründenden 400 Häuser mit 16.000 Seelen zu betreuen sein.

Die 500 betroffenen Hausväter stimmten mehrheitlich zu, nach dem er König Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861, Kg.1840-1859).zur Überlassung eines Baugrundstücks für die neue Kirche gewonnen hatte. Ursprünglich eher von liberalerer theologischer Auffassung geprägt, hatte er sich den streng orthodoxen Auffassungen Friedrich Wilhelms IV. angeschlossen: Damit trat die neue.Parochie in deutlichen Gegensatz zur liberal gesinnten Muttergemeinde.

Der Magistrat verfügte im Dezember 1843 die Teilung der Parochien. Am 5. Oktober 1845 wurde die neue Kirche - der Bauplan stammte von dem Schinkel-Schüler Friedrich August Stüler (1800-1865) - unter den Augen des Königs der Neubau eingeweiht. Weil der eigentlich zuständige Magistrat für ihn entstehende Kosten fürchtete, baten die Vertreter der neuen Gemeinde den König um die Übernahme des Patronats, was dieser im März 1845 auch annahm. Er hatte schon den Namen „St. Jacobi" für die neue Gemeinde in Vorschlag gebracht.

Bachmann wurde zu deren Pfarrer zu berufen. Bachmann reichte im Dezember 1844 dem König ein von ihm aufgestelltes Statut für die neue Gemeinde ein, das einen Großen Kirchenvorstand von 50 aus der Gemeinde Gewählten plus 12 Stellvertretern vorsah, aus dessen Mitte dann ein Kleiner Kirchenvorstand von 12 Mann gewählt wurde, denen ein Vertreter des Kirchenpatrons und der Pfarrer zur Seite traten.

Bachmann rief 1846 mit 100 Haushaltungsvorständen einen „Verein für kirchliche Armenpflege" ins Leben, der 1848 angesichts der zunehmenden Not in der Wirtschaftskrise in sieben Bezirke unterteilt wurde. 1847 gründete er einen Sparverein, der durch das Ansammeln kleiner und kleinster Spargelder im Sommer die herbstliche Besorgung von Heiztorf und Winterkartoffeln en gros - und damit billiger! - möglich machte.(`) Im gleichen Jahr erblickte ein Frauen-Nähverein das Licht des Gemeindelebens.

Schon als 2. Prediger der Luisenstadt-Kirche hatte sich Bachmann in einer Vielzahl von Funktionen auf caritativem und erzieherischem Gebiet betätigt, so im „Luisenstädtischen Wohltätigkeitsverein", in den Vorständen etlicher Parochialschulen und Kleinkinder-Bewahranstalten (wie auch als deren Deputierter in der Kommission zur Verwaltung von deren Zentralfonds), als einer der Direktoren des „Hauptvereins für christliche Erbauungsschriften in den Preußischen Staaten", in gleicher Funktion in der „Preußischen HauptBibel-Gesellschaft", als Vorstandsmitglied des evangelischen MännerKranken-Vereins, als Mitglied der „Gesellschaft zur Beförderung der evangelischen Mission unter den Heiden", als Lehrer im „Verein zur Erziehung sittlich verwahrloster Kinder"; als Haupt der St. Jacobi-Parochie nahm er dann noch die Last weiterer Ehrenämter auf sich, so zunächst als Mitglied der „Evangelischen Pastoral-Hilfs-gesellschaft", später dann auch als Kurator des Diakonissenhauses Bethanien.

Als Bachmann sich am 18. März 1848 - zu einer Haustrauung aufgeboten - im Ornat über die von Barrikaden gesperrten Straßen der Luisenstadt in Richtung auf das Hochzeitshaus bewegte, wurden ihm an den Barrikaden mit dem Ruf „Bachmann kann passieren!" die Absperrungen geöffnet. Er ließ sich aber nicht um ein Jota von seiner monarchischen Überzeugung abbringen. Unter Bachmanns Führung schufen sich die Vertreter der Orthodoxie mit dem „Evangelischen Verein für kirchliche Zwecke" (Sitz in der Oranienstraße) ein oraganisatorisches Sammelbecken gegen den bürgerlichen Liberalismus. Als die Revolution zusammenbrach und eine Renaissance der Staatskirche eintrat, wurde Bachmann mit dem Roten Adler-Orden ausgezeichnet und im Juli 1852 als Konsistorialrat in das Kgl. Konsistorium der Provinz Brandenburg berufen.

In seiner vielfältigen literarischen Tätigkeit hat sich Bachmann vor allem dem Brauch der Konfirmation und der Erneuerung des evangelischen Gesangbuches angenommen; allerdings fand sein Engagement an dem alten Liedgut vor allem an Paul Gerhardt bei den aufgeklärten Liberalen wenig Gegenliebe.

Das 25jährige Bestehen der St. Jacobi-Gemeinde gab Bachmann noch einmal Gelegenheit für eine solide historiographische Darstellung mit einem faktenreichen Überblick über das erste Vierteljahrhundert der Parochie, Die Darstellung konnte namentlich auch auf dem Gebiet der Sozialfürsorge beachtliche Leistungen aufzählen, wenngleich mit der Zunahme der Bevölkerung die Armenpflege sich immer schwieriger gestaltete.

Die Bevölkerungsexplosion in der Luisenstadt hatte sich natürlich auch in der Anzahl zu betreuender Seelen bei den Kirchen niedergeschlagen: hatte deren Zahl bei St. Jacobi 1847 bei 13000 gelegen, so 1858 bei 20000, 1862 bei 45000, und obgleich 1865 die Heilig-Kreuz-Gemeinde abgetrennt wurde, waren 1866 bei der St. Jacobi-Kirche doch 60000 Seelen erfaßt; 1868 wurde dann St. Simeon abgetrennt, so daß zu ihrem 25. Jubiläum die Gemeinde dann nur noch 32000 Seelen zählte. Seit 1845 gab es einen Ersten, seit 1855 einen Zweiten Hilfsprediger, seit 1863 einen Diakon, seit 1866 einen Archidiakon mit einem Diakon:

Das Jubiläum der Gemeinde brachte eine weitere Ehrung: Bachmann wurde zum Oberkonsistorialrat befördert. Anfang 1874 wurde ihm aus Anlaß seines 50jährigen Dienstjubiläums auch der Kronen-Orden verliehen. Jedoch mußte er zur gleichen Zeit mit der Einführung der 1873 verordneten Kirchengemeinde- und Synodalordnung Abschied von der von ihm ausgearbeiteten Gemeindeverfassung nehmen. Aber die physischen Kräfte des nun bald 75jährigen nahmen seit Beginn der siebziger Jahre ab: ein schon früher gelegentlich bemerkbares Unterleibsleiden trat in seinen letzten Lebensjahren in sein akutes Stadium.

Seiner Ehe waren vier Söhne und zwei Töchter entsprossen, von denen der erstgeborene Sohn und die zweitgeborene Tochter früh starben. Die andere Tochter, Julie (1833-1900), führte ihren Eltern unverheiratet den Haushalt. Die Söhne Johann (1832-1888), Paul (1837-1920) und Gustav (1842-1890) schlugen wissenschaftliche Laufbahnen ein: Johann wurde Professor der Theologie in Rostock, Paul Professor der Mathematik in Münster, Gustav Ingenieuroffizier und Lehrer an der Kriegsschule Kassel.

Bei letzterem verstarb Bachmann am 26. Juli, fünf Tage nach seinem 77. Geburtstag. Die Beisetzung fand am 29. Juli in Berlin unter gewaltiger Anteilnahme der Gemeinde und prominenter Vertreter des kirchlichen Lebens der deutschen Metropole statt. Sein Grab fand Johann Friedrich Bachmann auf dem (alten, 1852 angelegten) Friedhof der St. Jacobi-Gemeinde, (heute:) Karl-Marx-Str. 2-6, wo es auch noch erhalten ist.

Dezember 2005, Dr. Klaus Duntze

unter Verwendung eines Textes von Kurt Wernicke aus Die Luisenstadt, Geschichte und Gegenwart, Teil II: Einleitung zum Reprint des Buches von J.F. Bachmann, Berlin 2002, mit freundlicher Genehmigung des Luisenstädtischen Bildungsvereins