Reichsgründung – die Luisenstadt in der Kaiserzeit

Gewerbekarte 1900 - March/ Balg: Die Umsetzung von Gewerbebetrieben 1963

Nach der Reichsgründung wurde die Luisenstadt zum dichtest besiedelten Stadtteil Berlins mit dem höchsten Anteil an Produktionsstätten. Der Bauboom der Gründerzeit schuf unvorstellbare Wohnverhältnisse, wie sie Zille skizzierte und die Arbeitersanitätskommission anprangerte – bis zu hundert Einwohner lebten 1875 auf einem Grundstück der nach Hobrechts Plänen bis zum Landwehrkanal erweiterten Luisenstadt.


Görlitzer Bahnhof - Archiv Kramer
Aber auch die Infrastruktur profitierte von dem neuen Reichtum: bis 1900 entstanden 25 Gemeindeschulen; die Anlage der neuen Verkehrswege begann mit dem Görlitzer Bahnhof 1864 an der eben eingerissenen Stadtmauer und 1905 wurde die Hochbahn zum Schlesischen Tor eröffnet. Das weltberühmte ‚Exportviertel Ritterstraße‘ entstand mit vierhundert Fabrikationsstätten in 24 Straßen, die letzen Flächenreserven in den Blöcken wurden zugebaut, es gab erste Abrisse alter Bausubstanz zugunsten größerer Gewerbebauten wie die Kaufhäuser am Moritz- und Oranienplatz.

Abb.: Luftbild Haberkern - Foto LehnartzDoch das paternalistische Prinzip der von den Honoratioren getragenen Armenkommissionen war den sozialen Problemen der Massenquartiere nicht mehr gewachsen, die Bismarckschen Sozialgesetze entzog ihnen die gesetzliche Grundlage, die häufigen - dem mietrechtlichen Wildwuchs geschuldeten - Umzüge der Proletarierfamilien ließen lokale Bindungen nicht mehr aufkommen. Die Zeit der Luisenstädter Honoratioren mit ihrem lokalen sozialen und stadtpolitischen Engagement war zu Ende. Kochhann, ihr frommer Exponent, war 1890 gestorben; seine Söhne aus der Luisenstadt fortgezogen.

Aber sein ‚politisches Testament‘ faßte er in den Sätzen zusammen:

„Mir selbst gab die Gewißheit, allezeit im Geiste der Städteordnung für das Gedeihen meiner Vaterstadt während der großen Zeit ihrer Entwicklung zur Reichshauptstadt mein bescheidenen Teil beigetragen zu haben, die höchste Befriedigung. Ich hatte den Segen der ruhmreichen Schöpfung Steins erfahren und erkannt, daß die freie Mitarbeit des Bürgers an der Ausgestaltung seines Gemeinwesens Männer erziehe, die im Falle der Not nicht verzagen, im Wohlstand sich nicht zu überheben vermessen.“ Stich St. Thomas - Archiv St. Thomas
Die Kirche war mit dem bürgerlichen Lager auf die Seite des Staates gerückt, kein Partner für das Proletariat. Die St. Thomas-Gemeinde, von der Stadt 1869 als Gegenstück zum königlichen Bethanien am Mariannenplatz erbaut, war vor der Jahrhundertwende mit ca. 150.000 Seelen zeitweilig die größte Parochie der Christenheit, die von ihr 1887 abgetrennte Emmaus-Gemeinde wurde schon wenige Jahre später weiter filialisiert: Tabor, Martha und – in den 20er Jahren – Ölberg entstanden (und rücken heute wieder zu Gemeindeverbünden zusammen).

Abb.: Denkmal Schultze-Delitzsch - Foto DuntzeDie ökonomische und soziale Frage hatte auch die Luisenstadt verwandelt, aber dieses urbane Mischquartier setzte sich zur Wehr; hier gründete Schulze-Delitzsch seine Handwerker- und Gewerbegenossenschaften samt einer eigenständigen, der Luisenstädtischen Bank, hier entwickelte sich eine hochspezialisierte mittelständische Produktion, hier entstanden die Notgemeinschaften der aus den östlichen Provinzen Zugezogenen, bis heute sind die Straßennamen zum guten Teil oberschlesische Herkunftsnamen. Hier funktionierte aber auch bis zum ersten Weltkrieg das soziale Patronat der Fabrikherren, die, wie etwa die Familie Heckmann (Vorbild für Fontanes „Jenny Treibel“), immer noch für Suppenküchen, Kinder-Bewahranstalten und Sitz im Gemeindekirchenrat der St. Thomas-Gemeinde gut waren. Die vielen Kirchen, unter dem Protektorat der Kaiserin Augusta erbaut, waren Teil des staatlichen Pazifizierungsprogramms zur Eingliederung des Proletariats in die Gesellschaft und wurden als soziale Stützpunkte ausgebaut, in denen bethanische Schwestern die ambulanten Dienste taten und in vorbildlicher Weise mit ihrem Mutterhaus, dem sozialen Herz der Luisenstadt, zusammenarbeiteten, ein Versorgungssystem, das bis zur vom Senat erzwungenen Schließung 1970 hervorragend funktionierte.