„Männerstolz vor Fürstenthronen“ - Die bürgerliche Luisenstadt

Abb.: Freiherr vom Stein - ST.GA.P.GMit der Einführung der Steinschen Städteordnung 1809 in Berlin, wählte und bildete die Bürgerschaft ihre eigene Obrigkeit und Verwaltung, wobei die alte korporative Gliederung der Bürgerschaft durch eine lokale abgelöst wurde: mit den Wahlbezirken entstand eine kommunale Struktur, die der parochialen kirchlichen entsprach, und die in den Polizei-, Armen-, Schul- und Schiedsrevieren differenziert ausgebaut wurde. Die Wahrnehmung der Aufgaben war Ehrenpflicht, die an das Bürgerrecht gebunden war. Die Honoratiorenschaft der Luisenstadt war eine durch Verwandtschaft, Freundschaft und Geschäftsbeziehungen eng verbundene Gemeinschaft; die die Basis einer selbstbewußten lokalen Identität bildete.

Abb.: Pfarrer Bachmann - Kirchl. ZentralarchivDie sozialen Verpflichtungen nahm man in den Kirchengemeinden wie in den kommunalen Arbeitsbereichen in gleicher Weise wahr. Johann Friedrich Bachmann, Pfarrer an der Luisenstadt-Kirche, schrieb 1838 die erste Chronik der Luisenstadt und legte damit den Grundstein für ein bürgerliches Lokalbewußtsein.

Unter den Aufgaben, die der Staat an die Kommunen delegierte, stand die Armenpflege an erster Stelle. Sie wurde unter der Kontrolle der städtischen Armendirektion - an ihrer Spitze der Stadtrat de Cuvry (1785-1869), ein Luisenstädter - von ehrenamtlichen Bürgern in den zahlreichen lokalen Armenkommissionen ausgeübt, die in der Luisenstadt ein besonders dichtes Netz bildeten. 1825 gründeten die Vorsteher der Luisenstädtischen Armenkommissionen zusammen mit den Pfarrern und anderen angesehenen Bürgern, vor allem den Besitzern der Kattunfabriken und Ledergerbereien, den Luisenstädti-schen Wohlthätigkeitsverein, der bis 1856 sich vor allem für die Schulbildung der Fabrikkinder einsetzte und dafür als eigene Einrichtungen die Sonntags- und Abendschulen schuf.

Auch die später von der Kommune übernommenen Schulkommissionen, die sich um den regelmäßigen Schulbesuch kümmerten, sind durch den Verein entstanden. All diese Bemühungen waren von der Absicht geleitet, das sich bildende Proletariat durch Hilfe zur Selbsthilfe instand zu setzen, ihren und ihrer Familien Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften und sie damit in die bürgerliche Gesellschaft einzugliedern.

Abb.: Heinrich Eduard Kochhann - unbekannt; vor 1900Viele Luisenstädter Bürger spielten in den städtischen Gremien, dem Magistrat der Stadtverordnetenversammlung und der Verwaltung eine maßgebliche Rolle, so der Bäckermeister Heinrich Eduard Kochhann als Stadtverordnetenvorsteher und Leiter der Gartenbaudeputation, der Kämmerer Heinrich Runge, der Baustadtrat Langerhans (1780-1851), der schon erwähnte Stadtrat und Armendirektionsvorsteher de Cuvry, der Lohgerbermeister Carl Kampffmeyer (1784-1856), der Kattunfabrikant Johann Friedrich Dannenberger (1786-1873) und viele andere, die den Stil der bürgerschaftlichen Selbstverwaltung und das wachsende Selbstbewußtsein gegenüber der königlich-staatlichen Autorität prägten; eine Haltung, die in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts im westberliner Teil der Luisenstadt mit den ‚Strategien für Kreuzberg‘ eine eigentümliche Renaissance erlebte.

Aber gerade in diesem Stadtteil wurde der Bürgersinn seit dem Regierungsantritt von Friedrich Wilhelm IV. aufs stärkste herausgefordert. Die Vorstellungen des Königs von einem christlichen Ständestaat moderner Prägung widersprachen diametral der bürgerlichen Liberalität, die sich in wirtschaftlichem Aufstieg, politischer Eigenverantwortung und gesteigertem Bildungsanspruch immer selbstbewußter ausprägte.

Lenné Bebauungsplan Köpenicker Feld 1842 - Plansammlung TU Berlin Schon die städtebauliche Entwicklung der Luisenstadt, spiegelt diesen Konflikt: der König, architektonisch und städtebaulich begabt und interessiert, initiierte eine feudale Planung, die gegen die wirtschaftlichen Interessen der Ackerbürger, Gärtner und Gewerbetreibenden nicht durchzusetzen war. So zogen sich Separation und Planung zwei Jahrzehnte hin. Immerhin gelang es dem König, in den Plan von Lenné die geniale (wenn auch unpraktische) Linienführung des Luisenstädtischen Kanals einzuzeichnen, sie wird mit Engelbecken und den beiden Kirchplätzen fürdie Michaelkirche und die später gebaute Thomaskirche die zentrale städtebauliche Figur der Luisenstadt. Farbstich Bethanien - unbekannt; von 1900 Vor allem aber die Erbauung des ‚Centraldiakonissen- und Lehrkrankenhaus Bethanien’, mitten in der Luisenstadt war Kampfansage an die dort erstandene liberale Bürgerlichkeit. Es war gedacht als Mittelpunkt des diakonischen ‚Schwanenordens‘, der anstelle der kommunalen Armenkommissionen die gesamte soziale und diakonische Versorgung des Landes in freiwillig-christliche Verantwortung übernehmen sollte.

Parallel dazu lief ein scheinbar innerkirchlicher Konflikt, der sehr schnell grundsätzliche und exemplarische Bedeutung erhielt. Pfarrer Bachmann war theologisch auf die konservative, dem frommen König nahestehende Seite gerückt und betrieb seit 1843 die Teilung der wachsenden Luisenstadt-Gemeinde.

Stich St. Jakobi - Stüler: Entwürfe Kirchen, Pfarr- und Schulhäuser Er setzte den Bau der St.Jakobikirche und die Übernahme des Patronats durch den König durch und errichtete in den folgenden Jahren eine höchst effiziente gemeindliche ‚Demokratur‘ mit umfassendem ehrenamtlichen Engagement der Gemeindeglieder unter einer auf seine Leitung zugeschnittenen Gemeindeordnung. Diesem ‚Modell Bachmann‘ gegenüber stand die Luisenstadt-Gemeinde mit ihren Pfarrern und den engagierten Laien unter Führung des Bäckermeisters, Stadtverordneten und Armenkommisionsvorstehers Kochhann fest im Lager des aufgeklärten Protestantismus.

Zusammenarbeit mit der kommunalen Armenpflege, vor allem aber Praktizierung des Schleiermacherschen Weltchristentums machten das ‚Modell Kochhann‘ zum Modell liberalen Bürgertums protestantischer Prägung. So entwickelten sich im Vormärz in Berlin die Konflikte um die evangelische Kirchlichkeit zu einem verdeckten Feld der Auseinandersetzung zwischen dem königlich-konservativen und dem bürgerlich liberalen Gesellschaftskonzept.

Nach der gescheiterten Revolution von 1848 und der reaktionären Periode gab es nach 1852 in Berlin eine Renaissance der bürgerlichen Liberalität. Die ins innere und äußere Exil Gegangenen – wie Runge, Kochhann u.a. – kehrten in die Lokalpolitik zurück und initiierten mit Hobrecht, Virchow, v. Gneist, Siemens und anderen im Streit mit Bismarck Berlins Aufschwung zur liberalen Metropole mit moderner Kommunalwirtschaft.

Die bauliche Entwicklung der Luisenstadt brachte die später als ‚Kreuzberger Mischung‘ bekannte Nutzung der großzügigen Blöcke der Lennéschen Planung hervor mit Wohnhäusern zur Straße und der Auffüllung der Bürgergärten im Blockinneren durch Manufakturen, kleine Fabriken, aber auch öffentliche Gebäude, wobei bis Ende des Jahrhunderts die gärtnerische Nutzung sich neben der industriellen behauptete.

Turnhalle Prinzenstraße - Festschrift 50 Jahre Berliner Turnerschaft 1913 Kochhann, inzwischen Stadtverordnetenvorsteher, ein begeisterter Anhänger der Turnbewegung, initiierte in der Prinzenstraße die erste Berliner Turnhalle, ebenso wie die Umwandlung des St. Petrikirchhofes in den ersten öffentlichen Bürgerpark, den heutigen Waldeckpark, aber auch den Bau des Krankenhauses am Friedrichshain.