Vortrag von Dr. Gabriele Fritsch-Vivié (freie Journalistin und Publizistin)

Kommandantenstr. 58: Hier befand sich von 1935-1941 das Theater des Jüdischen Kulturbundes. Gezwungen durch das Berufsverbot gründeten die Juden in Deutschland diese Selbsthilfeorganisation mit eigenen Orchestern und Ensembles für Oper, Operette, Schauspiel und Konzert.

Die Nazi-Behörden mißbrauchten den Kulturbund zur Überwachung der jüdischen Künstler und ihres Publikums, das nur aus Juden bestehen durfte. 1941 wurde der Kulturbund verboten. Fast alle, die hier arbeiteten, wurden in Konzentrationslagern ermordet.


Die "Kristallnacht" 1938 war kaum vorüber, da ging im jüdischen Theater, der ehemaligen Herrenfeld-Bühne in der Kommandantenstraße 58, wo der Jüdische Kulturbund seit Herbst 1935 spielte, das harmlose Schauspiel "Regen und Wind" über die Bühne.

Damit die Premiere termingerecht stattfinden konnte, hatte NS-Staatskommissar Hans Hinkel schnell noch ein paar jüdische Schauspieler aus der KZ-Haft entlassen. Denn so hatte er dem "Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland" befohlen: "Sie haben zu spielen."

Der Vorhang vor diesem makabren Theater, dessen Besuch den "arischen" Volksgenossen verboten war, fiel endgültig erst im August 1941: Die jüdischen Kulturbünde wurden verboten, ihre Besitztümer konfisziert, ihre Mitarbeiter verhaftet.

Über die Hintergründe der Entstehung dieses Kulturvereins hier ein Zitat aus einen Brief des Staatskommissars und "Reichskulturwalters" Hinkel: "Maßgebend waren neben außenpolitischen Absichten die einfachere Möglichkeit der Überwachung und Zusammendrängung des geistig-künstlerischen Judentums in einer Organisation, durch die von Juden nur für Juden Kunst gemacht wird."

Der Auftakt der Kulturbund-Arbeit im Oktober 1933 - eine Inszenierung von Lessings "Nathan der Weise" im Theater in der Charlottenstraße - hatte noch Glanz. Die Betriebsschwierigkeiten aber waren von Anfang an groß. Den Kulturbund-Ensembles fehlten die berühmten jüdischen Schauspieler und Regisseure, die in der Mehrheit emigriert waren.

Den Kulturbund-Spielplänen fehlte es bald an Stücken: Deutsche Autoren durften von Juden nicht mehr gespielt werden, Wörter wie "deutsch" oder "blond" waren auch aus erlaubten Stücken zu streichen. Von heute her gesehen war der Kulturbund eine sonderbare, irrsinnige Sache, damals aber absolut selbstverständlich, eine Selbsthilfeorganisation von jüdischen Künstlern für jüdische Künstler, aus politischem, finanziellem und arbeitsmäßigem Notstand gegründet.Kommandantenstr 56 web

Das Theater bot Schutz und es lenkte von den Alltagssorgen ab, gleichzeitig war es ein sehr wichtiger Ort für Kommunikation und Kontakt. An das Theater in der Kommandantenstraße erinnert seit 1990 eine Gedenkstele.

Der Jüdische Kulturbund - Geschlossene Gesellschaft

Vortrag von Dr. Gabriele Fritsch-Vivié (freie Journalistin und Publizistin)

Termin: Donnerstag, 27. März 2014, 20:15 Uhr

Veranstaltungsort: Stammtisch im Aufbau-Haus, Buchhandlung am Moritzplatz, Prinzenstr. 85, 10969 Berlin Kreuzberg

Bild: Erinnerungsmahnmal in der Kommandantenstraße 58