East-Side-Gallery-1-Maerz-2013 Protest gegen den Abriss: Beobachtungen am 1. März 2013 zwischen 9 und 10.30 Uhr.
East Side Gallery, Mühlenstraße 60, ca. 100 m vor dem Hochhaus von Mercedes.
Der Autokran steht hinter der Mauer und sein Hubseil mit Klemmhaken pendelt über dem  schmalen Mauerstück neben der eingesägten Lücke. Es soll als zweites Element heraus gehoben werden.
Ungefähr 20-30 Menschen stehen in knapper Entfernung und wollen den Vorgang fotografieren.

Die Polizei ist auch in Mannschaftsstärke vor Ort und regelt den Verkehr und versucht weitere Hinzukommende auf die andere Straßenseite zu komplimentieren.
Alles geht friedlich und freundlich zu.

Drei Aktivisten mit der Fahne "Spreeufer für alle" versuchen ein Mauerteil aus Pappmaché in Originalgröße in die eingesägte Lücke zu schieben. Eine tolle ironisch gemeinte Idee, die bei der Polizei natürlich kein Verständnis fand.

Da immer mehr Leute sich ansammeln und der Autoverkehr wegen vieler Straßenüberquerungen stocken und manchmal anhalten muss, werden alle Leute auf die nördliche Straßenseite beordert und ein Flatterband als Absperrung gespannt.

Nur Presseleute mit Ausweis dürfen an die Mauer ran. Es gibt zunehmend Sprechchöre gegen Polizei und Politiker, ein Radfahrer mit Kind kurvt mehrere Male vorbei und schreit seine Botschaft "Wowi muss weg, Mauer bleibt stehn!"

Die Bauarbeiter kommen mit ihrem Hebegeschirr immer noch nicht klar, es dauert und Füße und Hände werden kalt. Die Polizisten stehen den Zuschauern Gesicht zu Gesicht gegenüber und lassen sich nicht provozieren.

Plötzlich ein lauter Ruf aus den hinteren, dicht gedrängten Reihen - "alle rüber"- und hundert Leute drücken gleichzeitig die Polizeireihe weg und rennen auf die Mauer mit ihrer schmalen Lücke zu. Die erschrockene Polizei rennt mit und formiert sich zu einem engen Halbkreis um den Abbruchort. Wieder höhnende Äußerungen auf die Beamten, auf Senat und die Bezirksverantwortlichen.

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Es bleibt friedlich, aber jetzt lehnen sich die Bauarbeiter zurück, können und wollen nicht weitermachen. Der Kranmotor wird abgestellt,  nur Kameras klicken und die drängenden Leute spekulieren wie es weitergehen könnte.

Neben mir stehen Leute vom Verein East Side Gallery e.V. und fordern von der Polizei eine Anzeige aufgeben zu können wegen Sachbeschädigung. Der Polizeiverantwortliche verspricht, dass ein Vereinsmitglied mit auf die nächste Polizeiwache begleitet wird, um dort die Anzeige einzureichen.

Von insgesamt 19 Mauersegmenten mit drei großflächigen Mauerbildern fehlen die Rohrabdeckungen, die schon entfernt wurden. Zuerst trifft es das Bild des Brandenburger Tores, das eine dänische Künstlerin  gestaltet hat.

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Wenn trotz des anhaltenden Widerstandes vor Ort die neue Mauerlücke unter Polizeischutz verbreitert wird, kommt als drittes Bild die Arbeit der kubanischen Künstlerin Teresa Casanuevo an den Kranhaken. Sie war eine der ersten Künstlerinnen, die 1990 die Mauer an der Spree bemalt hat. Sie wurde 2009 von offizieller Senatsseite  eingeladen zur Restaurierung ihres Kunstwerkes. Ebenso wurden alle anderen Künstler gebeten ihre Mauerbilder wieder aufzufrischen und auszubessern. Die Kosten betrugen damals 2.5 Mio €.

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Eine rechtlichen Anspruch auf ihr Bild hätte sie nicht, aber gefragt worden, ob sie mit dem Abriss einverstanden sei, ist sie auch nicht. Sie weiß nicht bei wem sie sich beschweren kann, wer Ansprechpartner ist in ihrem Fall. Besonders erbost ist sie, dass Ihr Kunstwerk einem Luxuswohnbau weichen muss und kommerzielle Interessen ein Denkmal schädigen.

Die Reporterin vom "Tagesspiegel" hört geduldig zu und wird wohl einen guten Bericht daraus machen.

VH

Mittlerweile schlägt die Aktion in nationalen und auch internationalen Medien hohe Wellen des Protestes:

Externer Link:Die East Side Gallery in der Google News Presseschau

und im Bewegtbild beiYoutube.

Weitere Bilder:

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