4 Vorstand Duntze Mahrt Thomsen Eberhardt 530
Bild: Klaus Duntze, Frauke Mahrt-Thomsen, Frank Eberhardt (Foto: Mike Hughes). Text/Interview aus DRUCKSACHE - dem Magazin der Erneuerungskommission KottbusserTor - Ausgabe Nr. 3 vom  22.03.1991.

Bei der Gründungsversammlung des „Bürgerverein Luisenstadt" wurden Frauke Mahrt-Thomsen, Frank Eberhardt und Klaus Duntze in den Vorstand gewählt. Keine leichte Aufgabe, denn die Aufgaben, die sich der Verein gestellt hat sind mindestens ebenso zahlreich und vielfältig wie die dabei zu bewältigenden Probleme. Über beides sprachen die DRUCKSACHE mit den frischgebackenen Vorsitzenden.


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Frauke Mahrt-Thomsen ist Leiterin der Bücherei Oranienstraße und DRUCKSACHE-Leserlnnen als Autorin zahlreicher „Buchtipps" bekannt, Frank Eberhardt ist Geologe, zur Zeit in der „Warteschleife" und wahrscheinlich demnächst im Vorruhestand. Er wohnt seit 23 Jahren in der Luisenstadt und ist ausgesprochener Kenner vor allem ihrer architektonischen Geschichte. Klaus Duntze ist Pfarrer der evangelischen St. Thomas-Gemeinde und arbeitet - mit Unterbrechungen - seit 1966 in Kreuzberg.

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DRUCKSACHE: Wir würden gerne wissen, warum Ihr Euch beim „Bürgerverein Luisenstadt" engagiert. Was ist für Euch persönlich so interessant an diesem Projekt?

Frauke Mahrt-Thomsen: Ich war von Anfang an bei der Initiatorengruppe, die sofort nach Öffnung der Mauer Interesse bekundet hat, über die anstehenden Folgen und die künftigen Konsequenzen für das Zusammenleben im Stadtteil mit den Bürgern aus Mitte und Kreuzberg zu sprechen. Es war ja offenkundig, dass sehr bald ein verstärktes Planungsinteresse einsetzen würde, und es ist für mich selbstverständlich, dass die Bürger dabei so stark wie möglich mitreden. Darüber hinaus ist es auch mein fachliches Interesse in der Büchereiarbeit, aus den vier Wänden herauszukommen und in den Stadtteil hineinzugehen.

Klaus Duntze: Bei mir ist es so, dass ich seit Februar Pfarrer in der St. Thomas-Gemeinde bin, und die war ja nun bis zum Wegfall der Mauer eine Gemeinde im Winkel, in der letzten Ecke Berlins, mit all den Besonderheiten von SO 36. Durch den Fall der Mauer ist sie nun wieder mitten in einem Stadtteil, den es offiziell gar nicht gibt, nämlich der Luisenstadt, der sich aber erstaunlich schnell aus seinen alten Traditionen, die ja bis ins 18. Jahrhundert zurückgehen, nun wieder herausbildet und zu Wort meldet.

Dazu kommen natürlich die neuen Probleme, Verkehrsbelastung und so weiter, und da ist es nun auch gute Kreuzberger Tradition, dass die Kirchengemeinden sich aus diesen Fragen nicht heraushalten, sondern sich für das Gemeinwesen engagieren. So ist es fast zwangsläufig, dass einer, der da Pfarrer ist, solche Fragen aufgreift.

Frank Eberhardt: Ich komme über mein geschichtliches Interesse für die Entwicklung Berlins zur Mitarbeit in diesem Verein. Die Berliner Architekten haben ja sehr oft vorhandene Strukturen zerstört. Wir, als die Bürger, die hier wohnen, sollten versuchen, dass die ganze Erneuerung der Luisenstadt sehr behutsam gemacht wird, damit die Bewohner sich in „ihrem" Gebiet wohlfühlen und nicht aus diesem doch sehr zentralen Stadtteil, wo es nur wenig Grünflächen gibt, zum Wochenende flüchten und hier alles entvölkert wird.

DRUCKSACHE: Die Luisenstadt war zwar ursprünglich ein zusammenhängender Stadtteil, aber 40 Jahre Trennung haben ja auch ihre Spuren hinterlassen. Warum orientiert sich jetzt der östliche Teil der Luisenstadt wieder so stark nach Kreuzberg? Gibt es kein Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Rest des Bezirks Mitte?

Eberhardt: Eigentlich gibt es im Bezirk Mitte kaum eine einheitliche Struktur. Der Bereich westlich und nördlich vom Alexanderplatz hat eigentlich zu diesem Gebiet hier überhaupt keine organische Verbindung. Das ist nach meinem Dafürhalten eine rein verwaltungsmäßig geschaffene Einheit, die viel weniger Verbindung zum nördlichen Teil der Luisenstadt hat als die eigentliche Luisenstadt zu Kreuzberg. Und ich würde meinen, auch der Kreuzberger Teil der Luisenstadt hat wahrscheinlich mit dem südlichen Kreuzberg nur sehr lose Verbindungen.

Es ist natürlich auch eine ganz interessante Aufgabe, aus den über 40 Jahre getrennten, unterschiedlichen Ideologien und Denkeinheiten jetzt wieder zu einem möglichst Einheitlichen zu kommen. Das kann sich ja nicht darauf beschränken, dass die Leute aus dem Osten Berlins nur zu Aldi einkaufen gehen.

Duntze: Ich wollte noch ergänzen: Die Luisenstadt hat ja ganz massive natürliche Grenzen. Der Bezirk Mitte ist gespalten durch die Spree und den Spreekanal, und erfahrungsgemäß gibt es Lebensbezüge über solche Barrieren hinweg nur sehr bedingt. Man sieht daran auch, dass die Bezirksaufteilung von 1920 auf die gewachsene Situation dieses Stadtviertels keine Rücksicht genommen hat. Das bedeutet eben nicht unbedingt nur, dass sich die Luisenstädter nach Kreuzberg orientieren, sondern umgekehrt auch, dass wir in SO 36 uns aus der Ecke um den Mariannenplatz heraus nach Mitte orientieren. Man stand da immer so an die Mauer gelehnt -jetzt ist die Mauer weg, und platsch, fällt man rüber.

DRUCKSACHE: Die Menschen in diesem Gebiet sind eine bunte Mischung. Die Luisenstadt, so wie sie die Vereinssatzung definiert, ist nicht nur ein sehr großes Gebiet, sondern es gibt auch große Unterschiede -zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teil, zwischen Ausländern und Deutschen, zwischen den Bewohnern von Alt- und Neubaubereichen. Was sollen alle diese Leute in einem Verein, was haben die gemeinsam?

Duntze: Gemeinsam haben sie die Luisenstadt, den Ort ihrer Verdammnis und ihrer Hoffnung.

Eberhardt: Was die Menschen prägt, ist doch, neben ihrer Arbeit, das Gebiet in dem sie wohnen. Je mehr wir die Arbeitszeit verkürzen, desto mehr gewinnen die Menschen Freizeit, also auch Identität mit ihrem Wohngebiet. Und die Möglichkeit, dort seinen Interessen nachzugehen und das Gebiet mitzugestalten, könnte ein ganz wesentlicher Grund sein, in solch einem Verein mitzumachen.

DRUCKSACHE: Was sind denn Eurer Meinung nach die wichtigsten Probleme in der Luisenstadt?

Duntze: Man kann da oben oder unten anfangen. Unten hieße: Die wichtigsten Probleme sind die sozialen Probleme, also die Mietentwicklung, die Entwicklung der Betriebe und Arbeitsplätze, die Verkehrsproblematik -da gibt es die größten Ängste und Besorgnisse. Wenn man oben anfängt, scheint mir das wichtigste die Spannung zu den Vorstellungen von Stadtplanern auf der zentralen Ebene, die etwa den Spreegürtel als hervorragendes Investitionsobjekt für ausländische Investoren ansehen, und dabei den Zusammenhang zwischen den Blöcken an der Spree und dem gesamten Bereich der Luisenstadt übersehen.

Sicher wird es da große Schwierigkeiten geben, aber die Frage ist, von wo aus man die Probleme angeht. Entweder vom Bestehenden her, oder man macht einen Kahlschlag aus „übergeordneten Gesichtspunkten". Und da sind unsere Politiker sehr eilfertig im Augenblick.

DRUCKSACHE: Welche Möglichkeiten seht Ihr denn, Euch einzumischen? Wenn ein Großkonzern mehrere Blöcke an der Spree bebauen soll, hat man es mit ganz anderen Gegnern zu tun als in Kreuzberg zu Beginn der 80er Jahre.

Duntze: Ich denke, solche Versuche wie Bürgermitsprache in diesem Bereich haben nur dann eine Chance, wenn sie nicht als Kampf „Luisenstadt gegen die ganze Welt" angezettelt werden. Das mag ehrenwert sein, aber es ist aussichtslos.

Eberhardt: Ich glaube, dass der Verein eine sehr große Aufgabe in der Öffentlichkeitsarbeit hat. Es ist für den einzelnen Bürger kaum immer möglich, das was in der Planung vorgesehen ist, zu erfahren. Wir müssen als Verein eine sehr gute Zusammenarbeit mit den beiden Stadtbezirken herstellen, um sehr zeitig einzugreifen und die Bürger zu informieren.

DRUCKSACHE: Eines der wichtigsten Probleme in naher Zukunft wird wahrscheinlich die Arbeitslosigkeit werden. Was kann ein Bürgerverein in diesem Bereich tun?

Mahrt-Thomsen: Zuallererst wäre es möglich und sinnvoll, einen Treffpunkt für die Arbeitslosen zu schaffen, wo sie sich treffen und Informationen austauschen können.

Eberhardt: Vielleicht können wir auch durch die Diskussion bestimmter Probleme in unserem Gebiet zu Vorstellungen über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen kommen. Es ist wichtig, dass die Menschen von der Straße wegkommen.

Duntze: Der Verein kann keine Arbeitsplätze vergeben, er kann auch keine Investitionen vergeben oder anlocken. Aber er kann die Diskussion um die Schaffung und den Erhalt von Arbeitsplätzen und Produktionsstandorten nicht nur aufmerksam verfolgen, sondern sich aktiv einklinken. An den Stellen, wo die Diskussion von der Luisenstadt wegläuft, weil man sagt, das ist eine Sache der Treuhand oder der Investoren. Der Verein muss darauf bestehen, dass das vor Ort und unter den Aspekten der dort wohnenden und arbeitenden Menschen und der Betriebe diskutiert wird.

DRUCKSACHE: Laut Satzung soll der Verein auch an der Entwicklung der Luisenstadt in „politischer" Hinsicht mitarbeiten. Was stellt Ihr Euch darunter vor?

Eberhardt: Das ist die Grundlage der Arbeit. Zwei ehemals durch eine Mauer getrennte Teile der Luisenstadt sitzen jetzt an einem Tisch. Das ist Politik. Wenn wir uns gemeinsam Gedanken machen über die Mieten oder die Arbeitsplätze, dann ist das Politik. Politik ist nicht nur Sache des Staates, sondern auch Sache der Bürger.

DRUCKSACHE: Von Seiten des Senats, aber auch im Bezirk, wird in letzter Zeit immer wieder das Argument vorgebracht, dass alles, was Zeit kostet und möglicherweise die Schaffung von Arbeitsplätzen behindert, nur die Probleme verschlimmert.

Duntze: Das ist eines der beliebten Hilfs-und Totschlagargumente.

Im Gutachtergespräch der beiden Bezirke haben wir es uns in der letzten Woche konkret angesehen. Kann man bei der jetzigen Grundstückslage schnell etwas machen? Die Gutachter sagen: Nein, das kann man nicht. Gibt es eine Vorstellung von der Gewerbestruktur in der Innenstadt? Die Gutachter sagen: Wir wissen nichts davon. Wir wissen nicht, ob Berlin Regierungssitz wird, ob es Olympiastadt wird, wir wissen nicht, ob die Investoren hier wirklich das Sprungbrett für die Wirtschaftsbereiche des ehemaligen Warschauer Pakts nehmen -das ist doch alles Seifenblase.

Wenn es jetzt ganz schnell gehen soll, heißt das doch, dass sich Investoren Grundstücke krallen wollen um sie vorzuhalten, bis etwas passiert. Aber das bringt doch keine Arbeitsplätze.
Es ist alte Tradition, dass Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen im Freiraum geschehen. Die Anlage des Luisenstädtischen Kanals wie auch das Zuschütten war eine Notstandsmaßnahme. Die historischen Freiräume der Luisenstadt stehen alle zur Neugestaltung an: der Luisenstädtische Kanal, der Michaelkirchplatz, der Luisenstädtische Kirchhof, der St. Jacobs-Kirchhof, jetzt Waldeck-Park. Das sind vier sehr große Freiraumbereiche, die sofort angepackt werden könnten. Hunderte von Leuten hätten hier in ABM-Programmen zu tun.

DRUCKSACHE: In der Luisenstadt gibt es jetzt zwei Gremien, den Verein Luisenstadt und die Erneuerungskommission. Wie stellt Ihr Euch das Verhältnis zwischen den beiden vor?

Mahrt-Thomsen: Da haben wir ganz klare Vorstellungen zur Abgrenzung und zur Kooperation. Als Bürgerverein interessiert uns die ganze Luisenstadt, aber bei der hoffentlich bald stattfindenden Gründung des Stadtteilausschusses Luisenstadt werden wir unnötige Überschneidungen vermeiden, weil das die Bereitschaft der Verwaltung, mit uns zusammenzuarbeiten, sicher einschränken würde.

DRUCKSACHE: Das heißt, der Bürgerverein arbeitet für die ganze Luisenstadt, und was die EK für das Sanierungsgebiet macht, soll der Stadtteilausschuß für den Rest übernehmen. Das klingt ein wenig so, als ob der Verein die „bewährten" Strukturen aus Kreuzberg auf das neue Gebiet ausdehnen will.

Duntze: Es sind einige besondere Elemente dabei: Zum einen geht es um die Zusammenarbeit zweier Bezirke in einem Gebiet, das die Bürger als einheitliches vertreten wollen. Eine andere Sache ist, dass hier verschiedene Traditionen des Umgangs mit Öffentlichkeit und Mitverantwortung aus Ost-und Westberlin vermittelt werden müssen, das ist für uns alle Neuland. Es gab ja in der DDR z.B. die Wohnbezirksausschüsse.

Ich würde die Freunde und Kollegen aus diesem Bereich danach fragen, ob es von daher nicht Erfahrungen gibt, die für eine Bürgerbeteiligung, die die Bürger wollen, die ihnen nicht aufgedrückt wird, fruchtbar zu machen sind. Von daher könnte ich mir denken, dass sich da ganz andere Formen von Bürgerengagement auftun, als wir sie jetzt sehen.

Eberhardt: Wir müssen sicherlich prüfen, welche Erfahrungen sinnvoll zu übernehmen sind.

Meine Frau hat z.B. in der Volkssolidarität gearbeitet. Da wurden alte Menschen bei Inex, das ist eine Firma in der Köpenicker Straße, zweimal im Jahr zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Wir sollten versuchen, auch solche Möglichkeiten wieder zu schaffen. Wenn wir ein Vereinslokal finden, vielleicht könnte man das auch so gestalten, dass sich da Menschen treffen, die nicht unbedingt zum Verein gehören.

Duntze: Eine Besonderheit dieses Vereins könnte sein, dass er auf zwei Beinen steht: Auf der einen Seite das Interesse und Engagement der einzelnen Bürger, und auf der anderen Seite ein Netz von Einrichtungen, die den Bürgern und der Öffentlichkeit verpflichtet sind. Das sind vor allem die beiden Bibliotheken, aber auch Einrichtungen wie der Nachbarschaftsverein Kotti, das Haus am Köllnischen Park, die Kirchengemeinden. Das stimmt mich zuversichtlich, dass der Verein bei den immensen Aufgaben, denen er sich stellen muss, nicht völlig baden geht. Man braucht ja auch Räume, Anlaufpunkte, Leute, die das, was sie sowieso tun, auch ein Stück auf den Verein ausrichten.

DRUCKSACHE: Womit wir zum Schluss bei einem ganz profanen Thema wären: All das kostet eine Menge Geld. Woher soll das kommen?

Duntze: Gute Frage. Wir haben den Verein gegründet, ohne vorher eine Kalkulation zu machen. Aber zum einen haben wir Einnahmen aus Beiträgen, zum anderen könnte es Sachzuwendungen der genannten Organisationen geben. Drittens: Wenn der Verein Aufgaben der öffentlichen Hand übernimmt, z.B. die Organisation eines Stadtteilausschusses, dann hat die öffentliche Hand dafür auch aufzukommen. Man bewegt sich dabei auf einem schmalen Grad, aber es ist etwas anderes als ein Einkaufen des Vereins durch die Behörden.

DRUCKSACHE: Wir danken für das Gespräch.

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