Die Lorelei in der Annenstraße

Loreleidenkmal Annenstraße Big
Foto: Detlev J. Pietzsch, 2009, CC-BY-4.0


Wer hat gewusst, dass wir in der
Luisenstadt ein Loreleidenkmal haben?

Denkt man bei Lorelei oder auch Loreley doch zuerst an den berühmten, von etlichen Dichtern besungenen Felsen am Rhein. Aber wir können durchaus mithalten, auch wenn unsere Lorelei nicht so berühmt ist und so im Alltagsbild aufgeht, dass der Sockel des Denkmals von Vorbeigehenden vielleicht nur noch als Ablage für zum Verkauf stehende Kräutertöpfe oder saisonales Obst und Gemüse wahrgenommen wird.

Wer blickt auf dem Weg von oder zu Edeka schon nach oben und bewundert die anmutige Gestalt auf der Säule? Dabei habe ich mir schon so oft nach einem Urlaub vorgenommen, auch meine Heimatstadt mit offenen Augen zu durchlaufen und mehr Blicke für scheinbar alltägliches am Rande zu haben.

„Unsere“ Lorelei ist eher von der stillen Art, ist doch noch nicht einmal ihr Name, geschweige denn der ihrer Erschaffenden zu finden. Es erfordert schon einiges an Recherchearbeit, um näheres über sie herauszufinden.

Auskünfte liefert u.a. die Homepage Bildhauerei in Berlin www.Bildhauerei-in-Berlin.de/../Loreleidenkmal

Wir erfahren, dass es sich um einen hohen, säulenförmigen „Steinpfeiler mit umlaufender runder Sitzbank, bekrönt mit der Bronzefigur einer unbekleideten, weiblichen, wie schwebend Sitzenden, genannt Lorelei“ handelt, erschaffen 1973 nach einem Modell von Lore Pietzsch.

Ihr Motiv soll aus der bekannten Dichtung “Lied von der Loreley“ von Heinrich Heines abgeleitet sein. Aha, wer hätte das gedacht, ich war jedenfalls überrascht.

Aber es hat mich inspiriert, etwas mehr über die Namenspatronin unseres Denkmals, die Loreley am Rhein, zu erfahren.

Loreleidenkmal Annenstraße Ausschnitt

Unsere Lorelei im Grünen
Foto: Detlev J. Pietzsch, 2009, CC-BY-4.0

Wie so oft liefert Wikipedia einen guten Einstieg, man erfährt nicht nur etwas über Lage und Umgebung, Herkunft des Namens, Geschichte und sogar Schiffsunglücke, sondern auch viel über die Loreley als Sagenfigur sowie als Motiv und Inspiration für Dichtung und musikalische Werke www.Wikipedia.org/wiki/Loreley.

Allerdings fehlt "unsere" Lorelei in der Auflistung der Adaptionen, aber wie gesagt, sie ist ja auch eher von der stillen Art und kann quasi als kleine Schwester so gar nicht mit der bei Wikipedia gezeigten Loreley auf dem Heinrich-Heine-Denkmal New York konkurrieren.


Gedichte


Vielleicht nehmen Sie auch unsere Lorelei in der Annenstraße zum Anlass, um das Gedicht von Heinrich-Heine "Die Lore-Ley" (wieder) zu lesen:

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
dass ich so traurig bin;
ein Märchen aus alten Zeiten,
das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
und ruhig fließt der Rhein;
der Gipfel des Berges funkelt
im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
dort oben wunderbar;
ihr goldnes Geschmeide blitzet
sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme
und singt ein Lied dabei;
das hat eine wundersame,
gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
ergreift es mit wildem Weh;
er schaut nicht die Felsenriffe,
er schaut nur hinauf in die Höh.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
am Ende Schiffer und Kahn;
und das hat mit ihrem Singen
die Lore-Ley getan.


Sehr gut gefallen hat mir auch Erich Kästners "Der Handstand auf der Lorelei". In der 1932 erschienenen Parodie auf Heines Gedicht steht das Opfer selbst auf der Klippe und lässt sich verführen.

Kästner beschreibt die Turnbewegung, die sich 1932 bereits nationalistisch radikalisiert hatte.

Der Rhein ist schon lange kanalisiert und die Lorelei wird in Kästners Gedicht eher prosaisch geschildert, aber der vom nationalen Mythos Verblendete lässt sich trotzdem dazu hinreißen, für etwas eigentlich sehr Banales sein Leben zu opfern (siehe www.Wikipedia.org/wiki/Der_Handstand_auf_der_Loreley).

Der Handstand auf der Loreley
(Nach einer wahren Begebenheit)

Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen,
ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bingen,
wo früher Schiffer mit verdrehten Hälsen,
von blonden Haaren schwärmend, untergingen.

Wir wandeln uns. Die Schiffer inbegriffen.
Der Rhein ist reguliert und eingedämmt.
Die Zeit vergeht. Man stirbt nicht mehr beim Schiffen,
bloß weil ein blondes Weib sich dauernd kämmt.

Nichtsdestotrotz geschieht auch heutzutage
noch manches, was der Steinzeit ähnlich sieht.
So alt ist keine deutsche Heldensage,
daß sie nicht doch noch Helden nach sich zieht.

Erst neulich machte auf der Loreley
hoch überm Rhein ein Turner einen Handstand!
Von allen Dampfern tönte Angstgeschrei,
als er kopfüber oben auf der Wand stand.

Er stand, als ob er auf dem Barren stünde.
Mit hohlem Kreuz. Und lustbetonten Zügen.
Man fragte nicht: Was hatte er für Gründe?
Er war ein Held. Das dürfte wohl genügen.

Er stand, verkehrt, im Abendsonnenscheine.
Da trübte Wehmut seinen Turnerblick.
Er dachte an die Loreley von Heine.
Und stürzte ab. Und brach sich das Genick.

Er starb als Held. Man muß ihn nicht beweinen.
Sein Handstand war vom Schicksal überstrahlt.
Ein Augenblick mit zwei gehobnen Beinen
ist nicht zu teuer mit dem Tod bezahlt!

P.S. Eins wäre allerdings noch nachzutragen:
Der Turner hinterließ uns Frau und Kind.
Hinwiederum, man soll sie nicht beklagen.
Weil im Bezirk der Helden und der Sagen
die Überlebenden nicht wichtig sind.

Nun aber genug der Lyrik zur Lorelei. Wenn sie Lust bekommen haben, stöbern Sie selbst weiter in Ihrem Bücherschrank, im Internet, in der Bücherei, wo immer Sie am liebsten fündig werden. Viel Spaß dabei.

Beate Leopold


Wir sind neugierig auf Ihre Entdeckungen im Vorbeigehen!

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