Der Begriff Gentrifizierung kommt aus dem Englischen und wird seit den 1960er Jahren zur Charakterisierung von Veränderungsprozessen in städtischen Bereichen benutzt. Gegen Veränderung als solche ist erst einmal nichts einzuwenden, es kommt aber darauf an, in welche Richtung sie geht und wer letztlich davon profitiert.

Das Deutsche Institut für Urbanistik erläutert den Begriff Gentrifizierung und die damit einhergehenden Prozesse eingängig und gut nachvollziehbar: "Abgeleitet vom englischen Ausdruck "gentry" (= niederer Adel) wird .. (Gentrifizierung) zur Charakterisierung von Veränderungsprozessen in Stadtvierteln verwendet und beschreibt den Wechsel von einer statusniedrigeren zu einer statushöheren (finanzkräftigeren) Bewohnerschaft, der oft mit einer baulichen Aufwertung, Veränderungen der Eigentümerstruktur und steigenden Mietpreisen einhergeht.

Ausgangssituation bei solchen Prozessen ist häufig zunächst Leerstand. In solche leerstehenden Gebäude ziehen "Kreative", die sie als Ateliers und für preiswertes Wohnen nutzen. Dies wiederum verändert das Image zuvor unattraktiver Quartiere, die sich nun in "Szenequartiere" wandeln und damit öffentliche Aufmerksamkeit - und Begehrlichkeiten - auf sich ziehen.

Im Zusammenhang mit dem Aufwertungsprozess erfolgt oft die Verdrängung sowohl der alteingesessenen, gering verdienenden Bevölkerung als auch von langansässigen Geschäften, die dem Zuzug der neuen kaufkräftigeren Bevölkerung und deren entsprechend veränderten Nachfrage weichen müssen. In der Regel sind es innerstädtische Viertel, die von Gentrifizierung betroffen sind.

Wie schnell Gentrifizierungsprozesse voranschreiten, hängt dabei stark von intervenierenden Faktoren, wie etwa den jeweiligen Mietgesetzen ab.

Die Entwicklung des deutschen Wohnungsmarktes zeigt, dass - auch durch das seit der Jahrtausendwende zunehmende Agieren internationaler Finanzinvestoren auf dem deutschen Immobilienmarkt - hierzulande Gentrifizierung zu einem wachsenden Problem geworden ist.
Neben der Tatsache, dass Gentrifizierungsprozesse selten konfliktfrei verlaufen, ist auch die Belastung öffentlicher Haushalte von Bedeutung. Geht Gentrifizierung mit einer Verdrängung einkommensschwacher Haushalte einher, steigen meist auch die Ausgaben der öffentlichen Hand für die Absicherung des Wohnens derjenigen Bevölkerungsschichten, die sich ihre alten Wohnungen aufgrund von Mietpreissteigerungen nicht mehr leisten können." (Difu-Magazin 3-4/2016)

Auch die Luisenstadt ist von vielfältigen Veränderungsprozessen nicht ausgenommen und es ist eine teilweise rasante Verdrängung der angestammten Bewohnerschaft zu verzeichnen. "Mit dem Fall der Mauer änderte sich die Situation grundlegend. War die Luisenstadt bis dahin ein für Investoren und Stadtväter uninteressanter Stadtteil, so wurde sie nun wieder das, was sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewesen war: ein der City-naher Bereich, verkehrsmäßig gut erschlossen, mit Flächen, die Investoren, aber auch Spekulanten anlocken. Das merkten die hier wohnenden Menschen bald: die Mieten schossen in die Höhe, Gewerbetreibende und Künstler mussten aufgeben, da sie ihre Räume nicht mehr bezahlen konnten. Wieder setzt ein Umschichtungsprozess, deutlicher gesagt, ein Verdrängungsprozess, ein. Dienstleistungsgewerbe erobert die Gewerbehöfe, Architektenbüros, Rechtsanwälte und Ärzte entdecken die Luisenstadt, Nobelwohnungen werden geplant, Abrissbagger rücken an." (Die Luisenstadt, Geschichte und Geschichten über einen alten Berliner Stadtteil 1995, S. 20f, Reprint und Wiederauflage durch Bürgerverein Luisenstadt).

Ein aktuelles Beispiel dieser Verdrängung durch finanzkräftige Investoren/Spekulanten im Kreuzberger Teil der Luisenstadt bildet die Buchhandlung Kisch & Co. im Kulturhaus Oranienstraße 25. Wir berichteten kurz im letzten Newsletter vom Ausgang der Räumungsklage.

Wie geht es nun weiter mit Kisch & Co. und wie sieht die Situation in der Oranienstraße aus?

Lesen Sie dazu HIER unser Interview mit Thorsten Willenbrock, einem der beiden Geschäftsführer.

Beate Leopold

Kommentare  

#1 Lisette Nichtweiss 2021-06-01 22:11
Ich danke Ihnen für Ihre Arbeit und damit auch den Erhalt des schönen Hauses. Ich würde gern mit Ihnen über "mein" Haus sprechen, das auch eine interessante Geschichte hat. Auch Gewerkschaft, auch verkommen, auch gerettet.
Mit nachbarlichem Gruß
Lisette Nichtweiss
Journalistin
#2 Beate Leopold 2021-06-07 15:00
Liebe Frau Nichtweiss, sehr gerne würde ich mich mit Ihnen treffen und mehr erfahren. Bitte melden Sie sich doch bei mir, damit wir einen Termin vereinbaren können:

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