Fußtour 2 Karte


> Stadtplan-Skizze der Fußtour in der Großansicht


Leseprobe

Vom Urbanhafen zur Schillingbrücke

Von Stefan Löffler

Diese Tour folgt dem Zug des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals vom Landwehrkanal zur Spree. Sie führt mitten durch die Luisenstadt und vermittelt Eindrücke aus Geschichte und Gegenwart dieses Gebiets, das heute zu Kreuzberg und Mitte gehört.

Ruhige Grünanlagen und Parks, belebte Plätze und berühmte Straßenzüge, sehenswerte Kirchen, Gewerbehöfe, eine Brücke, die nichts mehr überspannt und sogar einen Bauernhof - alles das kann man hier bei einem Spaziergang von zirka 2 Stunden entdecken.

Während dieser Tour lässt sich auch ein Eindruck davon gewinnen, was Toleranz heute bedeutet. Türkinnen mit Schleier, türkische Obsthändler, aber auch Punker und Bewohner von Wagenburgen stehen für den unverwechselbaren Charakter dieses Stadtteils und fordern die eigene Stellungnahme zum Umgang mit anderen Kulturen heraus.


Fusztour 2 Hafen
Urbanhafen mit Ladeinsel. Bildmitte oben der bereits zugeschüttete Luisenstädtische Kanal


Der Spaziergang beginnt auf der Baerwaldbrücke (1) (erbaut 1876-78, benannt nach dem Direktor der städtischen Gaswerke, C. F. Baerwald).

Von dieser Brücke aus hat man einen guten Blick auf den Urbanhafen (angelegt 1891-1896, erster städtischer Hafen am Landwehrkanal); er verlor nach dem Bau des Osthafens (1913) und des Westhafens (1923) seine Bedeutung.

An der ehemaligen Ladeinsel steht jetzt der 1970 eröffnete Neubautrakt des Krankenhauses „Am Urban“. Am Landwehrkanal entlang wird der Böcklerpark (2) durchlaufen. Auf dem Gelände stand früher die städtische Gasanstalt (erbaut 1847, bis 1927 Produktion). 1935/36 wurde der Park errichtet. Nach Zerstörung im Krieg 1950-52 wiederentstanden, erhielt er seinen Namen nach dem ersten Vorsitzenden des DGB, Hans Böckler (1875-1951).

Das Statthaus, ein Jugendhaus auf dem Parkgelände, wurde mit Spendenmitteln aus den USA gebaut. Der Neubaukomplex hinter dem Park entstand 1975-77 (Architekten: H. Wolff-Grohmann, B. Fleischer, G. Hänska). Am Ende der Anlage lag die Mündung des ehemaligen Kanals (heute noch als kleine Bucht im Kanalufer sichtbar).

Am Fraenkelufer findet man interessante Neubauten, die zur IBA 1987 entstanden sind; lohnenswert ist ein Blick in den Hof.

Die Tour folgt nun dem Erkelenz- und dem Segitzdamm (benannt nach dem Gewerkschaftspolitiker A. Erkelenz, 1373-1945, und dem Periememerier M. Segiri, 1853-1927). Diese sowie die Straßenzüge vom Oranienplatz bis zum Engelbecken und von da ab bis zur Schillingbrücke waren früher die Uferstraßen des Kanals, die Grünanlagen zwischen ihnen liegen auf dem ehemaligen Kanalbett.

In dem Gebiet links und rechts davon findet man einige Gewerbehöfe, die für die alte Luisenstadt typisch sind. Ein schönes Beispiel ist der Elisabethhof (3) (erbaut 1897-98, Architekt K. Berndt).

Weiter den Erkelenzdamm entlang kommt man zum Wassertorplatz (4); der Name bezieht sich auf ein Wassertor, das im Zuge des Kanalbaus hier die alte Stadtmauer durchbrach.

Auf dem Gelände hinter der U-Bahn befand sich das Torbecken (heute Verkehrsgarten). Der Platz selbst ist ein anschauliches Beispiel für die Alternativen der Stadtsanierung: die Kahlschlagsanierung mit nachfolgendem Neubau (Wassertor-/Ecke Bergfriedstraße) sowie die behutsame Modernisierung alter Bausubstanz (Erkelenzdamm/Ecke Kohlfurter Straße).

Hin zum Oranienplatz kreuzt die Ritterstraße den ehemaligen Kanalzug. Diese Straße war zu Beginn unseres Jahrhunderts Zentrum des Exportviertels in der Luisenstadt und Deutschlands zentraler Einkaufsplatz für Waren wie Glas und Porzellan, Haus-und Küchengeräte, Papier- und Lederwaren, Elektroartikel, Schmuck und Kunstgewerbe.

Einen Eindruck davon vermitteln zwei noch vorhandene Gewerbehöfe in der Ritterstraße 9-10 bzw. 11 (5): das Pelikanhaus (erbaut 1902-05, Architekt K. Berndt, ab 1933 vorübergehend in Besitz der Firma Pelikan) und der Ritterhof (erbaut 1906, Architekten Schilbach & Schweitzer).

Der Oranienplatz (6) ist eines der belebtesten Zentren in Kreuzberg. Peter Joseph Lenné plante 1840 hier am Schnittpunkt von Dresdener Straße, Oranienstraße und Kanal einen Marktplatz zum Ausladen der Schiffe.

Seine heutige Form erhielt der Platz nach Zuschüttung des Kanals. Imposant ist das Bürogebäude Oranienplatz 4-10 (erbaut 1930-32, Architekten Max Taut und F. Hoffmann, früher Warenhaus der Konsumgenossenschaft, typisch für die „neue Sachlichkeit“).

Waren es bis in die 1930er Jahre vor allem jüdische Händler und Geschäftsleute, die das Flair des Platzes und der Oranienstraße bestimmten („Kudamm des Ostens“), so sind es heute türkische Geschäfte und vor allem Obstläden, die ein orientalisches Fluidum verbreiten. Beispiele dafür finden sich in den umliegenden Straßen (Dresdener Straße und Adalbertstraße).

Am Legiendamm (benannt nach dem Gewerkschafter Carl Legien, 1861-1920) Nr. 32 liegt die Kneipe „Zur kleinen Markthalle“ (7), ein Rest der Markthalle VII (erbaut 1887-88, Architekt H. Blankenstein, im Zweiten Weltkrieg zerstört und 1952 abgerissen, Kopfbau ist in Dresdener Straße 20 zu sehen). In der Gaststätte (geöffnet Di.-Sa. ab 18 Uhr), sind alte Ansichten der Gegend zu sehen.

Der Gebäudekomplex Bethanien (10) (erbaut 1845-47 nach Entwürfen von L. Persius) beherbergte ein Diakonissenhaus und war Wirkungsstätte von Th. Fontane sowie des Chirurgen R. F. Wilms; seit den 1970er Jahren sind hier das Künstlerhaus Bethanien, ein selbstverwaltetes Jugendwohnheim, die Musikschule und das Heimatarchiv von Kreuzberg ansässig. Die Thomas-Kirche (11) (erbaut 1865-69, Architekt F. Adler, im Stil frühromanischer rheinischer Kirchenbauten) war Gotteshaus der größten Gemeinde Berlins.


Fußtour 2 Kirche


Über den Bethaniendamm gelangt man zur Schillingbrücke (12) (erbaut 1870-74, benannt nach dem Vorstand der Aktiengesellschaft zum Bau der ersten hölzernen Brücke, Schilling). Hier lagen die Köpenicker Schleuse und die Mündung des Kanals in die Spree (vom anderen Ufer noch sichtbar).

Ein Kanal quer durch die Luisenstadt (Kreuzberg)?

Ja, den gab es: vom Urbanhafen in gerader Linie bis zum Engelbecken und dann im Bogen zur oberen Spree zog sich bis in die 20er Jahre ein ca. 20 m breiter und 2 m tiefer Kanal, auf dem Kähne fuhren.

Wann wurde er gebaut, wozu diente er, warum verschwand er?

Der Plan zum Bau eines Kanals entstand in den 1830er Jahren bei Überlegungen zur Bebauung des Köpenicker Feldes, wie diese Gegend mit ihren Feldern und Wiesen damals genannt wurde. Er sollte das feuchte Gebiet entwässern, das Wasser aus den Rinnsteinen ableiten und die Entwicklung des Gewerbes forcieren.

Das Projekt für den Bau stammte von dem Landschaftsgärtner P. J. Lenné, der den Kanal als Promenadenzug gestaltete (der Bogen soll auf Entwürfe von Friedrich Wilhelm IV. zurückgehen). Der Bau begann 1848 als Maßnahme des Staates zur Beschäftigung von Arbeitslosen. Er blieb von den sozialen Unruhen dieser Zeit nicht verschont; am 16. Oktober 1848 kam es auf dem Köpenicker Feld zu heftigen Kämpfen zwischen Erdarbeitern und der Bürgerwehr.

Bis 1852 dauerten die Arbeiten an Kanal und Uferstraßen. In den folgenden Jahrzehnten war der Kanal für die bauliche und gewerbliche Entwicklung der Luisenstadt von großem Nutzen. Baumaterialien, Kohle, Rohstoffe, Lebensmittel wurden mit Kähnen herangeschafft. Mit Übernahme der Transporte durch die Eisenbahn verlor der Kanal an Bedeutung, ein Ausbaggern lohnte nicht mehr. Da er die Abwässer der Gegend aufnahm, verdreckte er und stank im Sommer mächtig.

Der Bau der U-Bahnlinie Neukölln/Gesundbrunnen Mitte der 20er Jahre bot Anlass, ihn zuzuschütten; wieder als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.


Fusztour 2 Kanal 600


An seine Stelle trat eine schön gestaltete Grünanlage. Nur Engelbecken und Waldemarbrücke erinnerten noch an den Kanal.

Nach 1961 verkam der nördliche Teil als Grenzstreifen zum Ödland: Erst der Fall der Mauer 1989 schuf die Möglichkeit, dass wieder ein durchgehender Grünzug vom Urbanhafen bis zur Schillingbrücke entstehen kann.


Text und Illustration: Auszug aus unserem Nachdruck des Buches "Die Luisenstadt - Geschichte und Geschichten über einen alten Berliner Stadtteil". Seite 244 - 249. Abbildungen in Schwarz-Weiß ebenfalls dem Buch entnommen.
Tourbeschreibung verfasst 1994/1995 - vergleichen Sie bei Ihrem Spaziergang doch mal gestern und heute.

Diese Tour ausdrucken hier - Druckversion herunterladen


- Vorherige Fußtour No 1 hier online lesen: "Spuren der Luisenstadt"


Weitere neun historische Fußtouren finden Sie in unserem Nachdruck, kürzlich herausgegeben vom Bürgerverein Luisenstadt als Neuauflage des vergriffenen Titel von 1995.

Cover Luisenstadt 200

Mehr über das Buch und die Bezugsmöglichkeit hier. Mit dem Erwerb unterstützen Sie unsere ehrenamtliche Gemeinwohl-Arbeit für unsere Luisenstadt.

Und demnächst lesen Sie hier online die dritte Fußtour aus unserer neuen Serie Fußtouren in der Luisenstadt.

Aus dem Inhaltsverzeichnis des Buches:

Luisenstadt Buch 1 Fusztouren


Fusztour 1 Luisenstadt Wappen


 Weitere Leseproben unserer Publikationen


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Einbringung der Röhrichtinseln

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Bürgervereien wählt neuen Vorstand

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Am 12. August 2021 wurde ein neuer Vorstand in der St. Thomas Kirche gewählt. Neuer Vorsitzender wurde Peter Schwoch, Stellvertreterin Petra Falkenberg. Neuer und alter Schatzmeister ist Ralph Rönsch. Ronald Pieper stand aus persönlichen Grunden nicht mehr für eine Vorstandstätigkeit zur Verfügung. Wir wünschen dem neuen Vorstand alles Gute!
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Es ist ein beglückendes Gefühl, Bücher machen zu können …

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BVL:    Unter dem Dach Berlin Story sind vielfältige Aktivitäten zur Geschichte Berlins zu finden: Seit 1997 bis 2016 Buchladen und Museum mit diversen Ausstellungen an verschiedenen Standorten Unter den Linden, seit 2014 der international bekannte Bunker mit Museum in Kreuzberg sowie der Berlin Story Verlag. Er hat seit 2015 seinen Sitz in der Luisenstadt, am Leuschnerdamm 7 mit Blick auf das Engelbecken.



In unserem Newsletter geht es um Leben und Arbeiten in der Luisenstadt, daher steht der Verlag im Mittelpunkt. Bis 2015 haben die im Verlag tätigen unter einem Dach mit den Mitarbeiter*innen des Museums und des Buchladens Unter den Linden gearbeitet. Wie kam es zum Wechsel des Verlagssitzes und warum ging er an den Leuschnerdamm?

W.G.:    Der Wechsel kam zustande, weil die Räume Unter den Linden 40 kurz vor der Kündigung standen, das Haus wurde verkauft und wir mussten raus. Zum Leuschnerdamm gingen wir, weil ich im gleichen Haus wohne und die Räume hier bereits für den Verlag vorbereitet waren. Es war alles schon verkabelt und eingerichtet, so eine Art Notbüro, weil vorauszusehen war, dass es Unter den Linden nicht weitergeht.

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„Wir wollen hier bleiben…“ - Wie geht es weiter mit Kisch & Co. und der Oranienstraße?

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Interview mit Thorsten Willenbrock am 21.5.2021

BVL: Vor einem Monat, am 22.4.2021, hat das Landgericht Berlin Kisch & Co zur Räumung eurer Buchhandlung in der Oranienstraße 25 verurteilt. Dagegen konnte innerhalb eines Monats Berufung eingelegt werden. Habt ihr das getan?

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Gentrifizierung in der Luisenstadt am Beispiel der Buchhandlung Kisch & Co.

Der Begriff Gentrifizierung kommt aus dem Englischen und wird seit den 1960er Jahren zur Charakterisierung von Veränderungsprozessen in städtischen Bereichen benutzt. Gegen Veränderung als solche ist erst einmal nichts einzuwenden, es kommt aber darauf an, in welche Richtung sie geht und wer letztlich davon profitiert.

Das Deutsche Institut für Urbanistik erläutert den Begriff Gentrifizierung und die damit einhergehenden Prozesse eingängig und gut nachvollziehbar: "Abgeleitet vom englischen Ausdruck "gentry" (= niederer Adel) wird .. (Gentrifizierung) zur Charakterisierung von Veränderungsprozessen in Stadtvierteln verwendet und beschreibt den Wechsel von einer statusniedrigeren zu einer statushöheren (finanzkräftigeren) Bewohnerschaft, der oft mit einer baulichen Aufwertung, Veränderungen der Eigentümerstruktur und steigenden Mietpreisen einhergeht.

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Leseprobe: "Das Taut-Haus am Engelbecken, ein Denkmal"

 

Das Taut-Haus im Jahr 2011 als Baustelle - Foto: Archiv Bürgerverein

Text: Elisabeth Masé

1927 beauftragte die Zentralverwaltung des Deutschen Verkehrsbundes den Architekten Bruno Taut mit dem Bau eines imposanten Bürogebäudes am Engeldamm/Ecke Michaelkirchplatz. Es wurde 1932 vom Architekten Max Taut, Bruno Tauts Bruder, und dem Architekten Franz Hoffmann in Form eines viergeschossigen Rechtecks mit zwei umschlossenen Innenhöfen fertiggestellt.

Bruno Taut, ein enthusiastischer Verehrer der Russischen Revolutionsarchitektur, lebte zu diesem Zeitpunkt bereits in Moskau und richtete für die dortige Stadtverwaltung ein Büro für Neubauten ein. Doch aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten und enttäuscht von der sowjetischen Architekturentwicklung kehrte er 1933 nach Berlin zurück, wo er, kaum angekommen, vor den Nationalsozialismus nach Japan fliehen musste.

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