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Hans Baluschek Arbeiterstadt

Essay von Kurt Wernicke

Aus "Die Luisenstadt - Geschichte und Geschichten über einen alten Berliner Stadtteil"

Erschienen erstmals 1995, Reprint 2017

Original-Text, alte Rechtschreibung:


In der Mitte der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts erlaubte die Lage auf dem Wohnungsmarkt den Hausbesitzern und Vermietern in Berlin, unverschämte Mietkontrakte zu verlangen. Unverhüllt wurden Anlässe für Exmittierung vor Ablauf des Mietverhältnisses geschaffen, um dafür willfähigere und zahlungskräftigere Mieter einziehen zu lassen.

Der intime Kenner der lokalen Verhältnisse Friedrich Saß konstatierte 1846: "Die abscheulichste, die offenbarste Brutalität des Egoismus steckt sich hinter die Form des Rechts und zwingt der durch die Not getriebenen und unvorsichtig gemachten Armut die Anerkennung der niederträchtigsten Willkür auf."

Mit der neuen Phase der industriellen Revolution in den fünfziger Jahren war ein explosionsartiges Anwachsen der Bevölkerung in Berlin verbunden. Die bereits in den vierziger Jahren fühlbare Wohnungsnot vergrößerte sich zusehends. Sie wurde von den Hausbesitzern kräftig ausgenutzt. Die Mieter sollten zu rechtlosen Abhängigen gemacht werden, so daß man in den sechziger Jahren direkt von einem "Wohnungsfeudalismus" zu sprechen begann.


Da die Mietverträge allgemein mit Quartalsende ausliefen, waren um diese Zeit immer Tausende von Wohnungsuchenden mit ihren Habseligkeiten auf den Straßen unterwegs - ein Brauch, dem die davon Betroffenen wenig Geschmack abgewinnen konnten:

1861 wechselten 44,7% aller Berliner die Wohnung, 1862 45,6% und 1863 49,6%.

Weil die gut situierten Schichten weit besser an ihren Wohnungen festhalten konnten, wird der Anteil der sozialen Unterschichten erheblich über diesen Durchschnittszahlen gelegen haben.

Die bei den Umzügen entstehenden unzähligen Streitereien zwischen Mietern und Vermietern beschäftigten zunehmend die zuständigen Gerichte.

Schon vorbeugend wurden darum erstmals zum 1. Juli 1863 vom Stadtgericht für die ersten drei Tage jeden neuen Quartals eine aus zwei Richtern bestehende "Ständige Deputation zur Schlichtung der in Umzugstagen vorfallenden Mietstreitigkeiten" eingesetzt.


Wegen eisernem Ofen - Kündigung und Zwangsräumung

Welche Art von Hausbesitzerklagen gegen einen Mieter das Stadtgericht zu verhandeln hatte, belegt der Prozeß des Schneidermeisters Steffen, Besitzer des Hauses Oranienstraße 64 (dicht am Moritzplatz), gegen den gescheiterten Buchbinder und nunmehrigen Restaurateur Schulze.

Letzterer hatte am 1. April 1862 Erdgeschoß und erste Etage in dem Haus für eine Jahresmiete von 400 Talern für fünf Jahre gemietet - wobei er aber schon ein Jahr später 450 Taler zahlen mußte.

Im Mai 1863 klagte der Hauswirt gegen Schulze, weil dieser in seinen Räumen eine Gastwirtschaft mit Tanzsaal eingerichtet hatte, Wäsche in der Wohnung trocknete, einen Hund hielt, Tonnen im Hausflur lagerte, einen Kochherd durch einen Kochapparat und einen Kachelofen durch einen eisernen Ofen ersetzt hatte.

Das Stadtgericht fand in dem Mietvertrag allerdings nichts, was dem Schulze verboten sei - mit Ausnahme des Aufstellens eines eisernen Ofens, was im Mietvertrag ausdrücklich untersagt war. Dieses Verbrechen des Schulze qualifizierte den Hausbesitzer, nunmehr gerichtlich abgesegnet, seinem Mieter zum nächsten Quartalsende zu kündigen.

Gastwirt Schulze gedachte, aus dem Dilemma noch möglichst viel herauszuholen und schmückte am Montag, dem 29. Juni, seine Fenster mit einem Plakat "Warnung! Wegen Aufstellung eines eisernen Ofens in meiner Wohnung ist mein Lokal durch Exmission geschlossen. A. Schulze".

Die interessierte Öffentlichkeit wurde so mit der baldigen Einstellung des Ausschanks bekannt gemacht. Der einsetzende Andrang der Kundschaft und der enorm steigende Umsatz an Gerstensaft veranlaßten Schulze am nächsten Tag, auch Plakate an Litfaßsäulen in benachbarten Stadtteilen anzuschlagen, in denen er den Tatbestand wiederholte, nähere Belehrung über die Konsequenz der Aufstellung eiserner Öfen allen Besuchern seines Lokals ankündigte und die öffentliche Mitteilung seiner neuen Adresse bei Wiedereröffnung seines Etablissements an anderer Stelle versprach.

Am selben Tag begann der Abtransport von Möbeln aus der Schulzeschen Wohnung, was vom zahlreichen Gaststättenpublikum mit Unmut und beim Wegschaffen des inkriminierten eisernen Ofens gar mit Gejohle quittiert wurde. Hatten schon am Montag die Gäste den Hauswirt mit höhnischen Zurufen bedrängt, so daß er vor Angst die Polizei hatte kommen lassen - die dann erfolgreich "säuberte" -, so wurde jetzt in des Hauswirts Wohnung eingedrungen, wurden Möbel und Ofen zerschlagen.



Die Tumulte beginnen - der Moritzplatz wird Kampfgebiet


Abends drängten sich dann Menschenmassen am Moritzplatz, und Hauswirt Steffens Fensterscheiben gingen zu Bruch. Als berittene Polizei erschien, schlug erstmals ihr die Wut der Protestierenden entgegen, die sie mit Schmähungen empfing: "Reißt die Hunde von den Pferden - schlagt die Hunde tot!" schrie z.B. ein Lohgerber aus seiner Wohnung in der dritten Etage des Hauses Prinzenstraße 37.

Am nächsten Tag, Mittwoch, dem 1. Juli, wucherte die Bewegung über ihren eigentlichen Anlaß hinaus. Schulzes Anschläge vom Vortag taten jetzt ihre Wirkung, und Tausende von Schaulustigen kamen zu Fuß oder gar mit den Pferdeomnibuslinien in das "Kampfgebiet". Zuzüglich galt von diesem Tage an eine neue Fahrordnung für die Berliner Straßen, die u.a. das Versperren der Gehsteige unter Strafe stellte.

Der Polizei war damit Anlaß zu scharfem Vorgehen auch gegen solche Passanten gegeben, denen man aktive Beteiligung an Widerstand oder Demolierungen gar nicht nachweisen konnte.

Ab 7 Uhr abends wuchs die Zahl der um den Moritzplatz Wogenden auf etwa 10.000 Menschen an, von denen allerdings 90 % nur die Rolle interessierter Zuschauer spielten.

Die verbleibenden 10 % hingegen wurden nun gegenüber den Vortagen erheblich aktiver; es waren schon Formen eines organisierten Auftretens zu bemerken, denn an mehreren Stellen wurden die tumultierenden Massen durch Pfiffe gelenkt.

Sie überschütteten die 150 teils berittenen Polizisten, die einzelne Straßen abzusperren und systematisch zu räumen versuchten, mit Steinhageln. Steine waren in genügender Anzahl und bequem zur Hand, denn in der Luisenstadt gab es zahlreiche Baustellen vorrangig für Wohnhäuser.

Fünf Ordnungshüter wurden am 1. Juli 1863 verletzt, zwei davon regelrecht verwalkt, nachdem sie im Bewußtsein ihrer amtlichen Autorität mit dem Säbel eingeschlagen hatten. Häuser, in die versprengte Polizisten vor der wütenden Menge flüchteten, wurden durch Steinwürfe demoliert.

Wie viele Zivilisten verletzt wurden, interessierte den Polizeibericht nicht; aber die Tageszeitung "Der Publizist" sah sich am 4. Juli immerhin zu einem Leitartikel veranlaßt, in dem sie Kritik an der auf den Gehwegen daherstiebenden berittenen Polizei übte, die mit blankem Säbel drohte und zu einer Zeit agierte, in der der normale und ruhige Bürger noch auf dem Wege in sein Heim sei.

Als die Polizei glaubte, Ruhe geschaffen zu haben und etwa eine Stunde vor Mitternacht abzog, tauchten allerhand zweifelhafte Elemente erneut in den Straßen auf und richteten ihre einmal geweckte Tatkraft nun gegen Gaslaternen.

Erstmals wird hier berichtet, daß das dann ausströmende Gas bewußt angezündet wurde, um mit der dadurch entstehenden schaurig-schönen Beleuchtung die aufgeregte Situation zu untermalen, was sich in den folgenden Tumulttagen noch mehrmals vollzog.

Am 2. Juli drängte sich die Menge schon nachmittags an den Schauplätzen der vorangegangenen Tumulte. An der Schillingbrücke gab es einen Krawall gegen den Einnehmer des dort üblichen Brückenzolls. Die Brücke war in Privatbesitz, und der Besitzer wollte schließlich seinen Profit aus den Tumulten schlagen und verlangte für deren Passieren einen halben Groschen (daher auch ihr Spottname "Sechserbrücke"!). Dieser Wegezoll wurde mit dem rasant zunehmenden Verkehr der Schaulustigen zum gegenüberliegenden Bahnhof der niederschlesisch-märkischen Eisenbahn immer lästiger.



Die Polizei reitet ein


Gegen das Pfeifen, Lärmen und vereinzelte Fensterscheiben-Einwerfen trat die Polizei dann gegen 1/2 10 Uhr auf den Plan. Ihr Einsatzgebiet an diesem Abend war das Gebiet um den Moritzplatz, die Wassertor-, Oranien- und Alte Jakobstraße.

Um sich gegen die Berittenen zu schützen, errichteten die "Ruhestörer" Straßenhindernisse, in der Dresdener Straße z.B. wurden dazu Bauzäune benutzt. Aus den traditionellen, schon 1848 bewährten Rinnsteinbohlen wurden in der Kommandanten-, Prinzen-, Brückenstraße sowie an den Kreuzungen Wassertor-/Brandenburgstraße (heute Lobeckstraße) und an der Ecke Neue Jakob- und Roßstraße Hindernisse gebaut.

Den Höhepunkt erreichte die Bewegung dann am folgenden Tag, Freitag, den 3. Juli.

Der Polizeipräsident erließ am Vormittag eine Bekanntmachung, der zufolge in dem betroffenen Stadtgebiet alle Geschäfte, Verkaufskeller und Schankstätten ab 8 Uhr abends zu schließen seien, die Hauswirte ab 9 Uhr abends die Haustüren abzusperren und alle Lehrherren ihre Lehrlinge unter Aufsicht zu nehmen hätten (unter den bis dato 60 Verhafteten waren allein 20 Tischlerlehrlinge).

Neugierige Gaffer wurden gewarnt: einmal in Aktion, könne die Polizei sich nicht auf Diskussionen einlassen, ob jemand zur Anwesenheit am Orte sich berechtigt fühle - er müsse schlankweg mit diskussionsloser Verhaftung rechnen.

Bald mußte die Polizei Personen festnehmen, die beim Abreißen dieser amtlichen Bekanntmachung ertappt wurden. Die am Abend neuerlich zusammenströmenden Menschenmassen beeinträchtigte die Warnung des Polizeipräsidenten kaum: Moritzplatz, Prinzen-, Sebastian-, Stallschreiber- und Dresdener Straße wimmelten wieder von erregten Menschen.

Inzwischen hatten die Demonstranten festgestellt, daß sich Geheim- und Kriminalpolizisten in Zivil unter sie gemischt hatten, um Anführer auszuspähen. Auf diese, im Jargon "Faule" genannten, beamteten Spitzel richtete sich nun besonderer Volkszorn, und als zwei von ihnen erkannt wurden, setzte eine Verfolgungsjagd ein; die beiden "Faulen" flüchteten in das Haus Prinzenstraße 37, wo ein Kollege ihrer Zunft wohnte, und setzten dadurch das ganze Haus einem wütenden Steinhagel aus.

Ein Polizeileutnant Hoppe, der in Erwartung anrückender Verstärkung vor den Tobenden den starken Mann spielen wollte, wurde unter Rufen wie "Der Hund muß totgeschlagen werden!" zum Schwerverwundeten geprügelt; als er sich in sein Wohnhaus, Prinzenstraße 40, rettete, wurde auch dieses Haus gestürmt.

Als berittene Polizisten verhaftete Tumultanten zur Stadtvogtei am Molkenmarkt eskortierten, folgte ihnen ein johlender Haufe vornehmlich jugendlicher Demonstranten und versuchte unterwegs, wenn auch vergeblich, Gefangene zu befreien. Auch am 4. Juli zog keine Ruhe ein.

Die Angriffe auf das Haus Prinzenstraße 40 setzten sich fort und weiteten sich auf das Nachbarhaus Nr. 41 aus, weil der dortige Wirt am Vorabend sein Haus für die Unterbringung Verhafteter zur Verfügung gestellt hatte: Alle Fensterscheiben wurden zertrümmert.

Das Scheibenzertrümmern setzte sich dann in der Sebastianstraße fort, wo kein Haus unbeschädigt blieb. Am Oranienplatz zogen die Tumultanten mit Hilfe von aus Lastkähnen entnommenen Stangen (es dürften Rüststangen für Neubauten gewesen sein) die Brücke über den Luisenstädtischen Kanal auf.

So vor unmittelbarem Zugriff wenigstens zeitweise gesichert, zerschlugen sie im Angesicht der am anderen Kanalufer agierenden Polizei auf dem Platz und dem angrenzenden Elisabethufer nach einem inzwischen eingeübten Ritus systematisch Gaslaternen. Allein an diesem Tag belief sich die Zahl der Verhafteten auf über 200, und in der Stadtvogtei wurde der Raum knapp: eingelieferte Missetäter mußten dort auf Dachböden und in Abstellkammern untergebracht werden.

Obwohl man am nächsten Tag, einem Sonntag, angesichts der Arbeitsruhe mit verstärkten Unruhen rechnen konnte, brach die Bewegung doch plötzlich ab. Als Ursache kamen mehrere Faktoren zusammen: Nach einer tagelangen Schönwetterperiode regnete es nun intensiv; der Polizeipräsident hatte am späten Abend des Vortages bekanntgemacht, daß von jetzt an rücksichtslos von der Waffe Gebrauch gemacht werde; das Wassertor und das Kottbusser Tor wurden geschlossen, so daß ein Entweichen in die unübersichtliche Hasenheide entfiel; zudem wurde nun mit psychologischer Abschreckung gearbeitet, indem man gezielt verbreitete, es werde Militär eingesetzt.

Darüber hinaus ist anzunehmen, daß der Sonntag nach einer anstrengenden Arbeitswoche der eingefleischte Ruhetag war, und auch tagelang aktive Demonstranten und "Aufrührer" glaubten sicher, an diesem Tage Anspruch auf Ausspannen zu haben! Von der Last täglicher Auseinandersetzung in den Straßen befreit, ging die Ordnungsmacht sofort an die Wiederherstellung ihres Machtmonopols. Zunächst wurden die Verhafteten gesichtet.



Mehr als 400 Verhaftungen - Politik sucht Sündenbock


Mit einer gewissen Befriedigung konnte festgestellt werden, daß unter den über 400 Festgehaltenen nur 10 Angehörige "besserer" Stände zu finden waren, nämlich zwei Postbeamte, zwei Studenten, ein Angestellter beim Gericht und fünf Kaufleute. Die anderen Verhafteten dagegen waren Lehrlinge, Maurer-, Zimmerer-, Tischlergesellen, Steinträger und Handlanger - wahrscheinlich zum großen Teil Beschäftigte auf den Neubauten in der Luisenstadt.

Mit Beginn der Arbeitswoche am 6. Juli begannen dann, gestützt auf Notizen der Zivilfahnder und auf Denunziationen, weitere Verhaftungen. Mögliche Verstecke wurden systematisch abgesucht, wobei auch die Verantwortlichen für die schweren Mißhandlungen des Polizeileutnants Hoppe gefaßt wurden: der Gürtlergeselle Schüßler und der Photograph Lesser, die im Dezember vom Schwurgericht zu anderthalb Jahren Gefängnis bzw. zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt wurden.

Alle anderen Verurteilten kamen glimpflicher davon. Sie wurden wegen Tumults, Widerstands gegen die Staatsgewalt und Sachbeschädigung zu Gefängnis zwischen einer Woche und neun Monaten Dauer verurteilt.

Überhaupt wurden von den insgesamt 426 Verhafteten nur 109 vor Gericht gestellt, von denen etliche sogar freigesprochen wurden.

Schon am 7. Juli setzte ein Richter jene frei, die nur Plakate des Polizeipräsidenten abgerissen hatten, 40 weitere verließen die Stadtvogtei einen Tag später, allerdings nur, um als Nicht-Ortsansässige sofort polizeilich aus Berlin ausgewiesen zu werden.

Die Verfahren zogen sich einige Zeit hin und endeten erst im Februar 1864. Ordnungsstrafen in Höhe von 20 Talern erhielten alle jene Hauswirte, die der Anordnung zum Verschließen der Haustüren nicht nachgekommen waren, und jene Barbiere, die ohne Approbation als Heilgehilfe Verwundete versorgt hatten.

Auf diesen Verstoß war man gekommen, als auf eine Denunziation hin am 4. Juli die Polizei eine Art illegales Lazarett aushob, in dem acht Verwundete ausharrten, die wohl Gründe hatten, sich nicht öffentlich chirurgisch versorgen zu lassen. Tatsächlich schnüffelte die Polizei nach dem 5. Juli auch bei Ärzten und amtlichen Heilgehilfen, welche Patienten diese in der vorangegangenen Woche gehabt hatten.

Der preußische Innenminister Graf von Eulenburg war mit dem Einsatz seiner Berliner Polizei jedenfalls so zufrieden, daß er am 7. Juli ein Dankschreiben an sie richtete, das ihr bei einem Appell der Schutzpolizei im Hof des Polizeipräsidiums, Molkenmarkt 1, am 10. Juli verlesen wurde. Die Schutzleute erfuhren dort, daß sie "ruhig und entgegenkommend, wo es aber sein muß, mit besonderer Festigkeit und Energie aufzutreten" hätten; so könne es nicht ausbleiben, "daß ihren Organen, statt Abneigung und Widerstreben, Vertrauen und Unterstützung begegnen wird."

Die vorhergehende Woche "ist ein erfreuliches Zeichen des Erfolges Ihrer Bemühungen. Aber ein Sündenbock mußte doch gefunden werden, daß sich eine der üblichen Streitereien zwischen Hausbesitzer und Mieter zu einem solchen Krawall hatte auswachsen können. Und man fand ihn in dem für die Oranienstraße 64 zuständigen Reviervorsteher Franz vom 41. Polizeirevier in der Brandenburgstraße.

Franz wurde zur Marktpolizei versetzt und der im Umgang mit Rauhbeinen bewährte Reviervorsteher v. Wolfsburg aus der Oranienburger Vorstadt, dem bekannten "Maschinenbauerviertel", in die Brandenburgstraße entsandt. In der Presse tobte inzwischen eine Fehde über den Charakter der Unruhen.

Preußen befand sich ja mitten im "Verfassungskonflikt" um die Frage, ob dem Parlament eine gewisse Rolle beim Mitregieren im Staate zustehe oder nicht. Die bürgerlich-parlamentarische Opposition nahm dabei das moralische Recht für sich in Anspruch, das gesamte nichtkonservative Volk zu repräsentieren, während Regierung und Konservative die bestehenden sozialen Divergenzen zwischen Besitzbürgertum und städtischen Unterschichten nur zu gern beim Namen nannten, um die politische Avantgarde der bürgerlichen Opposition zu verunsichern und womöglich zu schwächen.

Da waren Hausbesitzer, die doch in der oppositionellen Hochburg Berlin einen beträchtlichen Wählerstamm bildeten, kein schlechter Angriffspunkt für ein Aufrollen der Differenzen im nichtkonservativen Lager.



Die Presse findet ganz eigene Einschätzungen 


Bei Ausbruch der Krawalle gab es im demokratischen Lager Stimmen, die eine regierungsseitige Provokation befürchteten; ihnen trat schon am 4. Juli der klar zur Oppositionspresse zu rechnende "Publizist" entgegen, indem er die Tumulte auf großstadtübliche Randale herunterspielte.

Am 12. Juli aber nannte die konservative "Neue Preußische (Kreuz-)Zeitung" die Moritzplatz-Krawalle einen "sozialen Typus von Revolte" und prophezeite den "Anfang einer Revolution der Mieter gegen die Vermieter": Mit der Klarsicht des Hasses wurde hier richtig formuliert, worum es eigentlich ging!

Denn die Keilereien mit der Polizei waren ja nur die Begleitmusik zu den zerstörerischen Akten, mit denen sich angestaute Wut auf die faktische Allmacht der Hausbesitzer Luft machte. Und den hauenden und stechenden Polizisten war das auch ziemlich klar. Denn kaum hatten sich die Krawalle totgelaufen, da wußte die Presse am 11. Juli mitzuteilen, daß ausgerechnet ein Polizist seinem auf Exmittierung klagenden Hauswirt gedroht habe, es werde ihm so ergehen, wie es dem Hausbesitzer am Moritzplatz ergangen sei.

Der am nächsten Tag folgende Artikel der "Kreuz-Zeitung" (so ihre populäre Abkürzung) verwies hämisch darauf, daß die bürgerliche Profitwirtschaft Unruhe geradezu provoziere. Sie brachte damit gewichtige Argumente ins Spiel, die auch dann richtig bleiben, wenn zu bedenken ist, daß damit die politische Opposition zum Einlenken bewogen werden sollte, der die staatliche, konservativ geprägte Ordnungsmacht so, wie sie war, doch wenigstens Ruhe und Ordnung garantiere.

Fixiert auf ihren politischen Kampf um bürgerliche Werte, tat die bürgerlich-demokratische Opposition den berechtigten Warnruf mit großer Geste ab. Die "Kreuz-Zeitung" beute einen simplen Straßenkrawall für politische Zwecke aus, konterte "Der Publizist" noch am selben Tag. Aber das Bürgertum wurde den langen Schatten des Vermieter-Mieter-Verhältnisses mit dieser Verdrängung nicht los.

Das "Wohnungsproblem", wie es mit einem vereinfachenden Namen damals ins öffentliche Bewußtsein drang und seither darin eingenistet ist, rief schon in den unmittelbar folgenden Jahren eine Vielzahl von Diskutanten auf den Plan.

Der Boom in der Textil- wie in der Maschinen- und Metallwarenindustrie Berlins und der gewaltige Fortschritt, den Berlin als Drehscheibe im Bankgeschäft machte, entlastete zwar den Berliner Wohnungsmarkt infolge Bauinvestitionen in der Mitte der sechziger Jahre in gewissem Maße (die Zuwachsrate an Wohnungen im Vergleich zum Vorjahr betrug:

1863 - 6,67%

1864 - 7,12%

1865 - 7,09%

und sank erst dann von Jahr zu Jahr ab.

Die vorhandenen Spannungen im Beziehungsgeflecht des "Wohnungsfeudalismus" aber schlossen ähnliche Ausbrüche wie die vom Juli 1863 mit dem Zentrum Moritzplatz nicht aus.

 ____


Quellen:

  • Die Berliner Tagespresse, 1863
  • Berliner Behördenmeldungen, 1863 ff
  • Berliner Stadt- und Gemeindekalender und Statistisches Jahrbuch, 1865 ff

Illustrationen

Bild oben: Hans Baluschek - Arbeiterstadt (1920)

Im Buch wird dieses Bild von Hans Baluschek verwendet, das leider nur als Fotokopie vorliegt:

Hans Baluschek - Nomaden der Großstadt
Hans Baluschek - Nomaden der Großstadt

Textgliederung und Zwischenüberschriften: Bürgerverein Luisenstadt


Mehr von Kurt Wernicke: Berlin und Luisenstadt 1865 - Baupfusch und Hauseinstürze

Über Dr. Kurt Wernicke
Kurt Wernicke wollte Lehrer werden ... und wurde erfolgreicher Historiker. Im Sommer 2020 wird er 90 Jahre alt. Google verweist auf zahllose interessante Artikel



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Aus "Die Luisenstadt. Geschichte und Geschichten über einen alten Berliner Stadtteil", Seite 149-156
Berlin 1995, Edition Luisenstadt, überarbeitet und 2017 als Reprint neu herausgegeben vom Bürgerverein Luisenstadt
Umfang 300 Seiten, Klappenbroschur, 19.95 Euro, ISBN 978-3-957-23-125-3

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