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Die Tumulte beginnen - der Moritzplatz wird Kampfgebiet


Abends drängten sich dann Menschenmassen am Moritzplatz, und Hauswirt Steffens Fensterscheiben gingen zu Bruch. Als berittene Polizei erschien, schlug erstmals ihr die Wut der Protestierenden entgegen, die sie mit Schmähungen empfing: "Reißt die Hunde von den Pferden - schlagt die Hunde tot!" schrie z.B. ein Lohgerber aus seiner Wohnung in der dritten Etage des Hauses Prinzenstraße 37.

Am nächsten Tag, Mittwoch, dem 1. Juli, wucherte die Bewegung über ihren eigentlichen Anlaß hinaus. Schulzes Anschläge vom Vortag taten jetzt ihre Wirkung, und Tausende von Schaulustigen kamen zu Fuß oder gar mit den Pferdeomnibuslinien in das "Kampfgebiet". Zuzüglich galt von diesem Tage an eine neue Fahrordnung für die Berliner Straßen, die u.a. das Versperren der Gehsteige unter Strafe stellte.

Der Polizei war damit Anlaß zu scharfem Vorgehen auch gegen solche Passanten gegeben, denen man aktive Beteiligung an Widerstand oder Demolierungen gar nicht nachweisen konnte.

Ab 7 Uhr abends wuchs die Zahl der um den Moritzplatz Wogenden auf etwa 10.000 Menschen an, von denen allerdings 90 % nur die Rolle interessierter Zuschauer spielten.

Die verbleibenden 10 % hingegen wurden nun gegenüber den Vortagen erheblich aktiver; es waren schon Formen eines organisierten Auftretens zu bemerken, denn an mehreren Stellen wurden die tumultierenden Massen durch Pfiffe gelenkt.

Sie überschütteten die 150 teils berittenen Polizisten, die einzelne Straßen abzusperren und systematisch zu räumen versuchten, mit Steinhageln. Steine waren in genügender Anzahl und bequem zur Hand, denn in der Luisenstadt gab es zahlreiche Baustellen vorrangig für Wohnhäuser.

Fünf Ordnungshüter wurden am 1. Juli 1863 verletzt, zwei davon regelrecht verwalkt, nachdem sie im Bewußtsein ihrer amtlichen Autorität mit dem Säbel eingeschlagen hatten. Häuser, in die versprengte Polizisten vor der wütenden Menge flüchteten, wurden durch Steinwürfe demoliert.

Wie viele Zivilisten verletzt wurden, interessierte den Polizeibericht nicht; aber die Tageszeitung "Der Publizist" sah sich am 4. Juli immerhin zu einem Leitartikel veranlaßt, in dem sie Kritik an der auf den Gehwegen daherstiebenden berittenen Polizei übte, die mit blankem Säbel drohte und zu einer Zeit agierte, in der der normale und ruhige Bürger noch auf dem Wege in sein Heim sei.

Als die Polizei glaubte, Ruhe geschaffen zu haben und etwa eine Stunde vor Mitternacht abzog, tauchten allerhand zweifelhafte Elemente erneut in den Straßen auf und richteten ihre einmal geweckte Tatkraft nun gegen Gaslaternen.

Erstmals wird hier berichtet, daß das dann ausströmende Gas bewußt angezündet wurde, um mit der dadurch entstehenden schaurig-schönen Beleuchtung die aufgeregte Situation zu untermalen, was sich in den folgenden Tumulttagen noch mehrmals vollzog.

Am 2. Juli drängte sich die Menge schon nachmittags an den Schauplätzen der vorangegangenen Tumulte. An der Schillingbrücke gab es einen Krawall gegen den Einnehmer des dort üblichen Brückenzolls. Die Brücke war in Privatbesitz, und der Besitzer wollte schließlich seinen Profit aus den Tumulten schlagen und verlangte für deren Passieren einen halben Groschen (daher auch ihr Spottname "Sechserbrücke"!). Dieser Wegezoll wurde mit dem rasant zunehmenden Verkehr der Schaulustigen zum gegenüberliegenden Bahnhof der niederschlesisch-märkischen Eisenbahn immer lästiger.

 

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Dezember 2020 / Januar 2021: ecke köpenicker No. 6 erschienen

Die ecke No. 6 für Dezember 2020 / Januar 2021 enthält folgende Themen: