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Mehr als 400 Verhaftungen - Politik sucht Sündenbock


Mit einer gewissen Befriedigung konnte festgestellt werden, daß unter den über 400 Festgehaltenen nur 10 Angehörige "besserer" Stände zu finden waren, nämlich zwei Postbeamte, zwei Studenten, ein Angestellter beim Gericht und fünf Kaufleute. Die anderen Verhafteten dagegen waren Lehrlinge, Maurer-, Zimmerer-, Tischlergesellen, Steinträger und Handlanger - wahrscheinlich zum großen Teil Beschäftigte auf den Neubauten in der Luisenstadt.

Mit Beginn der Arbeitswoche am 6. Juli begannen dann, gestützt auf Notizen der Zivilfahnder und auf Denunziationen, weitere Verhaftungen. Mögliche Verstecke wurden systematisch abgesucht, wobei auch die Verantwortlichen für die schweren Mißhandlungen des Polizeileutnants Hoppe gefaßt wurden: der Gürtlergeselle Schüßler und der Photograph Lesser, die im Dezember vom Schwurgericht zu anderthalb Jahren Gefängnis bzw. zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt wurden.

Alle anderen Verurteilten kamen glimpflicher davon. Sie wurden wegen Tumults, Widerstands gegen die Staatsgewalt und Sachbeschädigung zu Gefängnis zwischen einer Woche und neun Monaten Dauer verurteilt.

Überhaupt wurden von den insgesamt 426 Verhafteten nur 109 vor Gericht gestellt, von denen etliche sogar freigesprochen wurden.

Schon am 7. Juli setzte ein Richter jene frei, die nur Plakate des Polizeipräsidenten abgerissen hatten, 40 weitere verließen die Stadtvogtei einen Tag später, allerdings nur, um als Nicht-Ortsansässige sofort polizeilich aus Berlin ausgewiesen zu werden.

Die Verfahren zogen sich einige Zeit hin und endeten erst im Februar 1864. Ordnungsstrafen in Höhe von 20 Talern erhielten alle jene Hauswirte, die der Anordnung zum Verschließen der Haustüren nicht nachgekommen waren, und jene Barbiere, die ohne Approbation als Heilgehilfe Verwundete versorgt hatten.

Auf diesen Verstoß war man gekommen, als auf eine Denunziation hin am 4. Juli die Polizei eine Art illegales Lazarett aushob, in dem acht Verwundete ausharrten, die wohl Gründe hatten, sich nicht öffentlich chirurgisch versorgen zu lassen. Tatsächlich schnüffelte die Polizei nach dem 5. Juli auch bei Ärzten und amtlichen Heilgehilfen, welche Patienten diese in der vorangegangenen Woche gehabt hatten.

Der preußische Innenminister Graf von Eulenburg war mit dem Einsatz seiner Berliner Polizei jedenfalls so zufrieden, daß er am 7. Juli ein Dankschreiben an sie richtete, das ihr bei einem Appell der Schutzpolizei im Hof des Polizeipräsidiums, Molkenmarkt 1, am 10. Juli verlesen wurde. Die Schutzleute erfuhren dort, daß sie "ruhig und entgegenkommend, wo es aber sein muß, mit besonderer Festigkeit und Energie aufzutreten" hätten; so könne es nicht ausbleiben, "daß ihren Organen, statt Abneigung und Widerstreben, Vertrauen und Unterstützung begegnen wird."

Die vorhergehende Woche "ist ein erfreuliches Zeichen des Erfolges Ihrer Bemühungen. Aber ein Sündenbock mußte doch gefunden werden, daß sich eine der üblichen Streitereien zwischen Hausbesitzer und Mieter zu einem solchen Krawall hatte auswachsen können. Und man fand ihn in dem für die Oranienstraße 64 zuständigen Reviervorsteher Franz vom 41. Polizeirevier in der Brandenburgstraße.

Franz wurde zur Marktpolizei versetzt und der im Umgang mit Rauhbeinen bewährte Reviervorsteher v. Wolfsburg aus der Oranienburger Vorstadt, dem bekannten "Maschinenbauerviertel", in die Brandenburgstraße entsandt. In der Presse tobte inzwischen eine Fehde über den Charakter der Unruhen.

Preußen befand sich ja mitten im "Verfassungskonflikt" um die Frage, ob dem Parlament eine gewisse Rolle beim Mitregieren im Staate zustehe oder nicht. Die bürgerlich-parlamentarische Opposition nahm dabei das moralische Recht für sich in Anspruch, das gesamte nichtkonservative Volk zu repräsentieren, während Regierung und Konservative die bestehenden sozialen Divergenzen zwischen Besitzbürgertum und städtischen Unterschichten nur zu gern beim Namen nannten, um die politische Avantgarde der bürgerlichen Opposition zu verunsichern und womöglich zu schwächen.

Da waren Hausbesitzer, die doch in der oppositionellen Hochburg Berlin einen beträchtlichen Wählerstamm bildeten, kein schlechter Angriffspunkt für ein Aufrollen der Differenzen im nichtkonservativen Lager.

 

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