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Die Presse findet ganz eigene Einschätzungen 


Bei Ausbruch der Krawalle gab es im demokratischen Lager Stimmen, die eine regierungsseitige Provokation befürchteten; ihnen trat schon am 4. Juli der klar zur Oppositionspresse zu rechnende "Publizist" entgegen, indem er die Tumulte auf großstadtübliche Randale herunterspielte.

Am 12. Juli aber nannte die konservative "Neue Preußische (Kreuz-)Zeitung" die Moritzplatz-Krawalle einen "sozialen Typus von Revolte" und prophezeite den "Anfang einer Revolution der Mieter gegen die Vermieter": Mit der Klarsicht des Hasses wurde hier richtig formuliert, worum es eigentlich ging!

Denn die Keilereien mit der Polizei waren ja nur die Begleitmusik zu den zerstörerischen Akten, mit denen sich angestaute Wut auf die faktische Allmacht der Hausbesitzer Luft machte. Und den hauenden und stechenden Polizisten war das auch ziemlich klar. Denn kaum hatten sich die Krawalle totgelaufen, da wußte die Presse am 11. Juli mitzuteilen, daß ausgerechnet ein Polizist seinem auf Exmittierung klagenden Hauswirt gedroht habe, es werde ihm so ergehen, wie es dem Hausbesitzer am Moritzplatz ergangen sei.

Der am nächsten Tag folgende Artikel der "Kreuz-Zeitung" (so ihre populäre Abkürzung) verwies hämisch darauf, daß die bürgerliche Profitwirtschaft Unruhe geradezu provoziere. Sie brachte damit gewichtige Argumente ins Spiel, die auch dann richtig bleiben, wenn zu bedenken ist, daß damit die politische Opposition zum Einlenken bewogen werden sollte, der die staatliche, konservativ geprägte Ordnungsmacht so, wie sie war, doch wenigstens Ruhe und Ordnung garantiere.

Fixiert auf ihren politischen Kampf um bürgerliche Werte, tat die bürgerlich-demokratische Opposition den berechtigten Warnruf mit großer Geste ab. Die "Kreuz-Zeitung" beute einen simplen Straßenkrawall für politische Zwecke aus, konterte "Der Publizist" noch am selben Tag. Aber das Bürgertum wurde den langen Schatten des Vermieter-Mieter-Verhältnisses mit dieser Verdrängung nicht los.

Das "Wohnungsproblem", wie es mit einem vereinfachenden Namen damals ins öffentliche Bewußtsein drang und seither darin eingenistet ist, rief schon in den unmittelbar folgenden Jahren eine Vielzahl von Diskutanten auf den Plan.

Der Boom in der Textil- wie in der Maschinen- und Metallwarenindustrie Berlins und der gewaltige Fortschritt, den Berlin als Drehscheibe im Bankgeschäft machte, entlastete zwar den Berliner Wohnungsmarkt infolge Bauinvestitionen in der Mitte der sechziger Jahre in gewissem Maße (die Zuwachsrate an Wohnungen im Vergleich zum Vorjahr betrug:

1863 - 6,67%

1864 - 7,12%

1865 - 7,09%

und sank erst dann von Jahr zu Jahr ab.

Die vorhandenen Spannungen im Beziehungsgeflecht des "Wohnungsfeudalismus" aber schlossen ähnliche Ausbrüche wie die vom Juli 1863 mit dem Zentrum Moritzplatz nicht aus.

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Quellen:

  • Die Berliner Tagespresse, 1863
  • Berliner Behördenmeldungen, 1863 ff
  • Berliner Stadt- und Gemeindekalender und Statistisches Jahrbuch, 1865 ff

Illustrationen

Bild oben: Hans Baluschek - Arbeiterstadt (1920)

Im Buch wird dieses Bild von Hans Baluschek verwendet, das leider nur als Fotokopie vorliegt:

Hans Baluschek - Nomaden der Großstadt
Hans Baluschek - Nomaden der Großstadt

Textgliederung und Zwischenüberschriften: Bürgerverein Luisenstadt


Mehr von Kurt Wernicke: Berlin und Luisenstadt 1865 - Baupfusch und Hauseinstürze

Über Dr. Kurt Wernicke
Kurt Wernicke wollte Lehrer werden ... und wurde erfolgreicher Historiker. Im Sommer 2020 wird er 90 Jahre alt. Google verweist auf zahllose interessante Artikel



Cover Luisenstadt 200

Aus "Die Luisenstadt. Geschichte und Geschichten über einen alten Berliner Stadtteil", Seite 149-156
Berlin 1995, Edition Luisenstadt, überarbeitet und 2017 als Reprint neu herausgegeben vom Bürgerverein Luisenstadt
Umfang 300 Seiten, Klappenbroschur, 19.95 Euro, ISBN 978-3-957-23-125-3

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-> Weitere Publikationen zur Luisenstadt


Nun immer wieder sonntags: Wasser für die Bäume am Heinrich-Heine-Platz

Es geht wieder los

Unsere AG Grün für Luise hat schon Standrohre zum Anzapfen der Hydranten besorgt und wird am Sonntag, den 3. Mai 2020 um 18 Uhr mit den Baumgieß-Aktionen auf dem Heinrich-Heine-Platz beginnen.

Im vergangenen Jahr haben wir auf dem Michaelkirchplatz, rings um die St. Michaelkirche, Bäume und Pflanzen gewässert. Um das in diesem Jahr regelmäßiger und organisierter tun zu können, haben wir beim Bezirk Mitte Fördermittel für die Anschaffung einer Gerätebox beantragt und auch erhalten.

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Buch und Video: Vor 100 Jahren wurde die historisch gewachsene Luisenstadt geteilt

"Kreuzberg - das andere Berlin"

In allerletzter Minute vor dem Erinnerungstag "100 Jahre Groß-Berlin" ist es dem Autor Jürgen Enkemann gelungen, mit Unterstützung des Vereins Möckernkiez e.V. ein Youtube-Video zu produzieren zur Vorstellung seines neuen Buch über 'Kreuzberg - das andere Berlin', das nun noch im Laufe des Mai 2020 beim Verlag für Berlin und Brandenburg erscheint.

Das Video finden Sie unten in diesem Beitrag direkt zum Anschauen.

Am 27. April vor 100 Jahren wurde das Groß-Berlin-Gesetz beschlossen, das am 1. Oktober 1920 in Kraft trat und neue Bezirksbildungen festlegte, so z.B. die Bildung des Bezirks Kreuzberg (zunächst noch unter anderem Namen) unter Aufteilung der historisch gewachsenen Luisenstadt auf Mitte und Kreuzberg.

Das Buch enthält neben vielen Texten und Bildern über die alternative Kreuzberger Szene auch einen Beitrag über den Bürgerverein Luisenstadt mit zwei Fotos von Michael Hughes über die Gründungsversammlung.

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Geplant - aber verschoben: Unsere Führung durch die Späth‘schen Baumschulen


Diese von unserer AG Geschichte für Sa 25. April 2020 geplante Führung über das historische Gartengelände in Berlin-Treptow fällt leider zu diesem Termin erst einmal aus und wird "auf später" verschoben.


Bild oben: Von Franz Späth 1874 erbautes Herrenhaus. Heute Gebäude des Instituts für Spezielle Botanik der Humboldt-Universität (Foto: Daniela Incoronato)

Sie sind das älteste produzierende Unternehmen Berlins und eine "echte Berliner Pflanze" mit großer Geschichte: die Späth’schen Baumschulen. 1720 wurde das Traditionsunternehmen von Christoph Späth vor dem Halleschen Tor gegründet. Sein Sohn Carl verlegte die Gärtnerei 1760 in die Luisenstadt an die Köpenicker Straße. 1864 erfolgte der erneute Umzug an den heutigen Standort in Berlin-Treptow. Hier entwickelten sich die Späth’schen Baumschulen zur einst größten Anzucht-Baumschule der Welt. Hier traf sie die volle Dramatik der historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts.

Die Führung gibt Einblick in die historischen Gebäude und Pflanzen ebenso wie in die aktuellen Entwicklungen auf dem Gelände.

Sie können aber auch jederzeit individuell dort vorbeischauen ... Späth ist "systemrelevant" und geöffnet. Und so siehts dort aus ... kleiner Rundblick bei einem Besuch per Fahrrad:

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April 2020: Neue Nachrichten vom Gebietsbetreuer der Nördlichen Luisenstadt

Im Newsletter des Gebietsbetreuers KOsP lesen wir zu folgenden Themen:

  • Aktuelle Arbeitssituation im Bezirksamt und in der Senatsverwaltung
  • Stadtteilladen dialog 101
  • Terminplanung U-Bahnhof Heinrich-Heine / Vorplatz Köpenicker Straße 101
  • Entwicklungen am Kulturstandort Bärenzwinger
  • ISEK Luisenstadt Mitte
  • Bodenrichtwerte 2020 (siehe Abbildung oben)
    Mit Stand 1.1.2020 beträgt der Bodenrichtwert im Sanierungsgebiet 6.500 €/m² (bezogen auf Mischgebiet M2 mit einer GFZ von 2,5, siehe Karte). Seit der Festlegung des Sanierungsgebietes im Jahr 2012 (Bodenrichtwert 500 €/m²) steigt der Bodenrichtwert kontinuierlich und deutlich an. Der aktuelle Planausschnitt zeigt die Bodenrichtwerte des Sanierungsgebiets inkl. Umgebung, die Grafik die Bodenrichtwertentwicklung seit 2012. Sie haben sich verzwölffacht - Grüne Linie. Mit anderen Worten: in acht Jahren ein Wertzuwachs um sagenhafte 1.300% (!).
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Mehr "Gabenzäune" auch in der Luisenstadt!

Mitteilung. Aufruf
"Gabenzaun"

"Ich habe in der Köpenicker Str. am Zaun des Nachbarschaftsgarten einen Gabenzaun eingerichtet.

Vielleicht könnt ihr das in eurer Nachbarschaft auch machen oder benötigte Dinge spenden.

I set up a gift fence on the fence of the neighborhood garden in Köpenicker Str. Maybe you can do that in your neighborhood and donate important things."


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März/April 20: ecke köpenicker No. 1 erschienen

Die ecke No. 1 für die Monate März und April 2020 mit den Schwerpunkten Köpenicker Straße, Waisenbrücke, Radverkehr, Bürgerbeteiligung, Engelbecken, Mietendeckel und Groß Berlin informiert aktuell und auch mit Hintergrund-Infos zu weiteren Themen *):

  • DAZ: Briefe an den Bürgermeister Müller - Ideen für ein zukunftsfähiges Berlin
  • Keine Fahrradstadt ohne Waisenbrücke! Mehr Konzentration auf bezirkliche  Radrouten erforderlich
  • Beispiel Köpenicker: Kamikaze auf den Radwegen - von Volker Hobrack (Bürgerverein)
  • "Preußen am  Schlesischen Tor" - Dieter Hoffmann-Axthelm erzählt die über 400-jährige Geschichte der Köpenicker Straße. Von Frauke Mahrt-Thomsen (Gründungsmitglied Bürgerverein)
  • Füttern verboten! Warum? Am Engelbecken und am Luisenstädtischen Kanal ist das Füttern von Wildtieren künftig grundsätzlich verboten.
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