Eine weitere Leseprobe aus unserer Stadtteil-Broschüre "Historischer Pfad" über das Heinrich-Heine-Viertel

Leben an der Mauer

Die Station 5 erinnert uns an die Jahre 1961 - 1989 und das Leben an der Berliner Mauer

Die heutige Zeit "nach der Mauer" ist bereits länger als die Zeit zwischen Mauerbau und Mauerfall.

Volker Hobrack rekapituliert die Zeit und erinnert an die gemauerte Trennung der Luisenstadt und das sehr unterschiedlich entstehend neue Leben in Süd (Mitte) und Nord (Kreuzberg).

Zur Station 5 - auch hier haben wir eine Erinnerungs-Stele geplant... es fehlt leider nicht nur an Geld, auch an einem breiten Willen, diese zu realisieren...


Im August 1961 konnten die Menschen in der Sebastianstraße aus ihren Fenstern zusehen, wie die ersten Absperrungen mit Stacheldraht gezogen wurden.

Es war unvorstellbar, dass das sperrige Ungetüm ausgebaut und über Jahrzehnte stehen bleiben würde. In vielen Straßen entlang der innerstädtischen Grenze mussten die Anwohnenden Erschwernisse beim Zugang zu Ihren Häusern in Kauf nehmen.

In Ostberlin brauchten sie Sonderausweise zum Betreten des Grenzgebietes und mussten ihre Gäste vorher anmelden. Doch es gab auch Ausnahmen, wie an der Fritz-Heckert-Straße (heute Engeldamm), wo dies nicht nötig war.

Am Michaelkirchplatz, quer über das zugeschüttete Engelbecken und in der Sebastianstraße wurden Hinterlandmauern errichtet, die das Erreichen der Grenze Richtung Westberlin unmöglich machten.

Einige Anwohner mussten ihre Wohnungen verlassen und umziehen; eine tote Grenz-schneise entstand, die nur den Grenztruppen zugänglich war.

In der Sebastianstraße und den anderen Straßen der Ostberliner Luisenstadt ging man zur Tagesordnung über und gewöhnte sich daran, mit der Mauer auszukommen.

 

Leben an der Mauer 600x900
Seite 31 aus unsere Broschüre - bitte anklicken für eine Großansicht

 

Die ersten Wohnbauten des Typs Q3A wurden schon ab 1959 auf den Fundamenten der kriegszerstörten Altbauten errichtet. Der freie Stadtraum wurde entgegen der traditionell stark verdichteten Bebauung mit Blockstruktur jetzt als Gartenstadt mit weiten Grünflächen zwischen den Gebäuden von mehreren Arbeiterwohnungsbaugenossenschaften (AWG) mit staatlicher Förderung errichtet.

Die meist junge Bevölkerung des Viertels war mit der Situation ganz zufrieden, denn sie wusste um ihr Privileg, als Angehörige der Volkspolizei, der Post oder wichtiger staatlicher Einrichtungen, bevorzugt die begehrten Neubauwohnungen zu erhalten.

Die Kinder hatten es nicht weit zur Schule in der Sebastianstraße. lm Wäschestützpunkt Annenstraße konnten sie ihre Hauswäsche waschen lassen und bekamen sie gebügelt zurück.

Im täglichen Leben irritierte die nahe gelegene Mauer mit ihrem Todesstreifen nicht, im Gegenteil: sie verlieh eine fast absolute Sicherheit vor Einflüssen aus Westberlin.

Vor dem Mauerbau war es z.B. oft zu Unmut gekommen, wenn Lebensmittel ausverkauft waren, weil die Westberliner Kundschaft von den staatlich subventionierten Preisen in Ostberlin profitierte.

Das war nun nicht mehr möglich. Nur am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße war man mit den Autoabgasen der zurückkehrenden West-Gäste konfrontiert, die vor Mitternacht Ostberlin verlassen mussten.

Das angrenzende Kreuzberg entwickelte sich im Schatten der Mauer zu einem ganz eigenen "Biotop" mit Hausbesetzern, Künstlern und vielen ausländischen Menschen.

Das südliche Stadtgebiet von Mitte dagegen wurde zu einem stillen Winkel der Hauptstadt der DDR.

Volker Hobrack


Vorherige Station 4 lesen:

Historischer Pfad STATION 4 - Verschwundene Straßen der Luisenstadt


 

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